Von Reiner Klingholz

Aids, die neue Epidemie, die sich nahezu ungehindert auf dem ganzen Erdball ausbreitet, treibt die Wissenschaftler an ihre Grenzen: Alle Mittel und Methoden, so scheint es, sind heute recht, um der Seuche Einhalt zu gebieten. Denn bereits jetzt sterben täglich mehr als tausend Menschen an der Immunschwäche.

Im Kampf mit dem tödlichen Virus spielen sich die spektakulärsten – und umstrittensten – Szenen derzeit in Zentralafrika ab. Dort, in Zaire, jenem Land, das am schlimmsten von der Seuche heimgesucht ist, hat der Franzose Daniel Zagury bereits vor Monaten die ersten Freiwilligen mit einem Versuchs-Vakzin geimpft. Einzelheiten der Aktion wurden erst jetzt bekannt. Wegen der wachsenden Kritik an der ursprünglich geheimen Aktion hat der Wissenschaftler von der Pierreund-Marie-Curie-Universität in Paris nun in einem Brief an das britische Fachblatt Nature seine Versuche vorläufig beschrieben. Zagury und seine Kollegen hatten ein kleines Stück Erbsubstanz aus dem Aids-Erreger isoliert, dem menschlichen Immunschwäche-Virus (engl. Human Immunodeficiency Virus, kurz HIV). Dieses Erbmaterial schleusten sie mit gentechnischen Methoden in den altbekannten Pocken-Impfstoff ein.

Das "Vaccinia-Virus", ein abgeschwächter Pocken-Erreger, treibt das menschliche Abwehrsystem zu einer Immun-Reaktion gegen das Pockenvirus an, macht jedoch nicht krank. Derart vorgewarnt vermag der Organismus Pocken-Erreger bei einer tatsächlichen Infektion sofort zu erkennen und zu vernichten, bevor sie Schaden anrichten können.

Zagurys kombinierter Impfstoff aus abgeschwächtem Pocken-Virus und jenem Stück HIV-Erbsubstanz, das den genetischen Code für die Eiweißhülle des Virus trägt, soll das menschliche Immunsystem vor zwei Feinden gleichzeitig warnen: Vor Pocken (was heutzutage überflüssig wäre) und vor Aids. Vorversuche an verschiedenen Affenarten bestätigen, daß der Impfstoff tatsächlich zur Antikörperproduktion gegen beide Erreger führt. Ob diese Antikörper letztlich auch eine Aids-Infektion verhindern, konnten die Wissenschaftler nicht ermitteln, da Affen grundsätzlich nicht an der menschlichen Immunschwäche erkranken.

Dann, im November vergangenen Jahres, legte Daniel Zagury seinen weißen Laborkittel ab, krempelte den Hemdsärmel hoch, ritzte sich mit einem scharfen Skalpell eine kleine Wunde in den Oberarm und verabreichte sich zehn Millionen Einheiten seines Zwitter-Impfstoffes. Keinerlei Nebenwirkungen traten auf. Sieben Tage später bildete sich an der Impfstelle eine 1,5 Zentimeter große Pustel – das erste Zeichen für eine erfolgreiche Immunantwort.

Dreißig Tage nach dem Selbstversuch ließen sich im Blut Antikörper gegen das Pocken- und auch gegen das Aids-Virus nachweisen. Im Reagenzglas – in vitro, wie die Biochemiker sagen – vermochten Antikörper aus Zagurys Blut Aids-Viren mit der Bezeichnung HTLV-3Bunschädlich zu machen. HTLV-3B heißt jener HIV-Stamm, den die Franzosen zur Herstellung des Impfstoffes eingesetzt hatten. Mit einem anderen HIV-Stamm wurden die Antikörper allerdings weit schlechter fertig.