Von Erich Staudt

Das Schlagwort vom lebenslangen Lernen macht derzeit die Runde, doch niemand kann sagen, wann und unter welchen Umständen dieses lebenslange Lernen stattfinden soll. Wir wissen nur soviel, daß der berufliche Alltag, wie ihn die Tarifparteien heute gestaltet haben, dafür kaum Raum läßt. Gelernt wird in der Regel nur im Ausnahmezustand: als Schüler ohne Einkommen, als Lehrling mit niedrigem Status, als Arbeitsloser unter dem Makel der Sozialhilfe und schließlich als Frührentner zur Beschäftigungstherapie.

Im Berufsleben selbst gibt es Weiterbildung lediglich in Musterbetrieben für Führungskräfte, als betriebliches Belohnungsinstrument, oft auch reaktiv an den Engpässen der Betriebsentwicklung. Lebenslanges Lernen findet aber gerade für die Masse der Berufstätigen in der Regel nicht statt.

Schon die Forderung erscheint unrealistisch, denn die Tarifparteien haben es im Kampf um Besitzstände versäumt, etwas für die soziale Beherrschung von Wandlungsprozessen zu tun. Gewerkschafter sind perfekte Tayloristen geworden. Ihr Idol vom Normarbeiter, der in der Normalarbeitszeit am Normalarbeitsplatz abgesichert wird, kommt der Ideologie von der totalen Austauschbarkeit des Faktors Arbeit – dem Wegwerfarbeiter – entgegen. Über Besitzstandwahrung und rein quantitativer Flexibilisierung werden Rationalisierungs- und Produktivitätszuwachs umgesetzt in Freizeit und Arbeitslosigkeit. Kurzsichtige, tariftaktische Optimierungen halten den Lohn und das daran gekoppelte Qualifikationsniveau so niedrig wie möglich. Für die Berufstätigen gibt es weder ein Recht auf kontinuierliche Weiterbildung im Beruf noch eine Verpflichtung, durch Weiterbildung zur eigenen Zukunftsvorsorge beizutragen.

Wenn nun aber die Klagen der Betriebe über den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften und der Wunsch der Gewerkschaften nach qualifizierten Arbeitsplätzen wirklich ernst sind, dann fragt man sich, warum die Tarifparteien heute nicht statt über eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit von 40 auf 35 Stunden über fünf Stunden berufliche Weiterbildung verhandeln.

Würde man statt über rein quantitative Flexibilisierung auch über qualitative und damit insbesondere qualifikatorische Flexibilisierung diskutieren, dann wären die Tarifpartner wieder glaubhafter. Fünf Stunden berufliche Weiterbildung wäre die qualitative Dimension einer Flexibilisierungspolitik. Ein solcher Impuls würde höhere Wettbewerbsfähigkeit bedeuten und ein verbessertes und aktualisiertes Qualifikationsniveau der Erwerbsbevölkerung.

Mit fünf Stunden Weiterbildungszeit pro Woche könnten überlange Erstausbildungen verkürzt und Wartezeiten für ausgebildete Jugendliche abgebaut werden. Fünf Stunden Weiterbildungszeit müßten nicht unbedingt in jeder Woche zugeteilt werden, sie könnten auch angespart und phasen- oder gruppenspezifisch verausgabt werden. Sie wirken dann für den einzelnen Arbeitnehmer wie eine Versicherung, um Arbeitslosigkeit und Frühverrentung vorzubeugen. Wenn derartige Ansprüche rechtzeitig zur Umschulung und Weiterbildung genutzt werden, besteht die begründete Chance zu einer längeren sinnvollen Berufstätigkeit mit geringerer Anfälligkeit für Arbeitslosigkeit. Dies ist die Voraussetzung für die Einheit von Ausbildung, Weiterbildung, Berufstätigkeit und Weitergabe dieser Erfahrungen im Beruf.