ZDF, 26. März: Talkshow „Live“

Was hätte man in dieser Anderthalbstände, die so gut plaziert war am Abend, nicht alles zeigen können, das interessanter, witziger, wichtiger gewesen wäre als dieses überflüssige Laienspiel: eine neue Talkshow, Du lieber Himmel, als ob wir noch eine nötig hatten! Nur weil darin ein in derlei Unterhaltungsveranstaltungen ungewöhnlicher Herr auftritt, wahrhaftig ein Staatsoberhaupt i. R.? „Konversation im Kammerton“ hatte ihm nach seinen eigenen Worten vorgeschwebt, sogar ein „richtiges Gespräch“, schon um den Leuten „Argumentationshilfe“ zu leisten.

Nein, auch Walter Scheel ist uns da keine Hilfe, und nicht deswegen, weil er bei seinem Debüt sogar die Gewandtheit vergaß, mit der Politiker doch vor Mikrophonen auf Anhieb haufenweise leeres Stroh zu dreschen verstehen, und weil er ein bißchen aufgeregt war. Als ihm sein Redakteur Jetzt sind Sie dran!“ zurief, begann er eine lange, ausschweifende Vorrede zu extemporieren, der man doch anmerkte, daß sie gar nicht aus dem Stegreif kam. Sie mündete in eine blasse Frage und bekam eine blasse Antwort. Konnte das denn möglich sein, daß der Gefragte Peter Ustinov hieß? Später, nachdem erst einmal der sowjetische Schriftsteller Valentin Rasputin über seinen Roman und den darüber gedrehten Film „Abschied von Matjora“ ausgiebig zu Wort gekommen war, fing Ustinov an, ein bißchen aufzublühen und seine ernsten Talente zu entfalten und zu zeigen, daß er die Fragesteller allesamt an Geistesgegenwart, Witz, vor allem an Bildung übertraf.

Da war zuerst Amelie Fried. Sie stellt den Typus des Allround-Reporters dar, vordergründig informiert und deshalb schlecht dafür gewappnet, frech zu sein. Sie frug den Torwart Schumacher und seinen Manager (ja, ja, es ging um dieses Buch – und diese Fußballersitten!) und Werner Thärichen, den früheren Solopauker des Berliner Philharmonischen Orchesters (ja, ja, es ging um dieses Buch – und diesen Karajan!), versuchte, sie natürlich aufs Glatteis zu schubsen, aber da stand immer nur sie. Da war schließlich der ZDF-Redakteur Trutz Becker, der sich mit Frau Mathiopoulos unterhielt (ja, ja, es war die!), die aber standhaft gar nichts Unziemliches auszuplaudern bereit war. Und da war der nette Herr Scheel, der mehr einen gedehnten Schwatz als ein Gespräch in Gang brachte.

Alles das trug sich in feiner Umgebung zu, im alten Foyer der Frankfurter Alten Oper, aber das spielte in dieser Sendung kein bißchen mit. Die Atmosphäre war lähmend steril, das Publikum blieb stumm und starr, es war ja auch zu nichts anderem als zur menschlichen Möblierung der Szenerie da und drehte, ebenso wie das gerade schweigende Fragepersonal, einander zur Hälfte den Rücken zu. Und da, wo andere Talkshows immer ihre Musik dazwischentun, mimte jemand einen Barkeeper und fiel dem Publikum am Fernsehschirm mit peinlichen Plattheiten lästig, deren Reiz ihre Anzüglichkeit sein sollte.

Am Ende tauchte der jugendliche Dirigent Franz Welser-Möst auf, dem auf der Deutschland-Tournee der Londoner Symphoniker gerade die erste Chance seines Lebens zugefallen war: als Ersatzmann. Ein kluger Musiker. Tja, der, und Ustinov, und Thärichen miteinander, eine halbe Stunde lang – das hätte was gegeben, nämlich ein Gespräch. Manfred Sack