Armer Vincent! Paul Gauguin hat ihn porträtiert, wie er seine Sonnenblumen malt: Er arbeitet mit zusammengekniffenen Augen, so sehr blendet ihn das gleißende Gelb der Blütenblätter. Sie glänzen wie Gold. Mit einem Rekordpreis hatte man in London, wo Vincent van Goghs Gemälde „Sonnenblumen“ unter den Hammer kam, ja gerechnet. Aber nun wurden 71 974 000 Mark dafür bezahlt.

Alles Interesse galt dem Sieger des Kaufduells: Ein Liebhaber, ein protzsüchtiger Krösus, der seine Millionen mit dem Ruf des Kunstsinnes adeln möchte? Im Auktionshaus Christie’s war im Anschluß an die Versteigerung lediglich zu erfahren, ein ausländischer Bieter habe den Zuschlag erhalten. Immer häufiger glauben die neuen Besitzer, ihre Erwerbungen nur im Schutz der Anonymität genießen zu können. Es bleibt ihnen versagt, ihren Triumph auch auszukosten. Zu sehr fürchten sie Steuerbeamte, Einbrecher oder Kidnapper, die erst durch den spektakulären Kauf auf den vielversprechenden Reichtum aufmerksam werden konnten. Oder fürchten sie gar unseren Neid?

Eher rührt uns das Mitleid. Vor allem mit dem armen Vincent. Als der Sarg des Hungerleiders ins Grab gelassen wurde, da warfen ihm seine Freunde Sonnenblumen nach. J. R.