Eine Gesellschaft hilft Tüftlern bei der Umsetzung ihrer Ideen

Von Hinrich Lührssen

Auf den ersten Blick ist Ungewöhnliches nicht zu entdecken. Auf dem Fahrrad tritt der 43jährige August Stuckenbrok aus Schortens im niedersächsischen Landkreis Friesland in die Pedale wie alle anderen auch. Die Pedale aber haben es in sich: Beim Heruntertreten werden sie automatisch durch einen Teleskoparm verlängert, der danach wieder einfährt. Ein längerer Hebel bringt mehr Kraft, weiß man seit dem Physikunterricht. „Bei gleicher Geschwindigkeit brauche ich gegenüber dem bisherigen Fahrradantrieb rund fünfzehn Prozent weniger Kraftaufwand“, rechnet Stuckenbrok vor. Sein Bruder Freder hat den Telekurbelantrieb erfunden, er selbst kümmert sich um Käufer.

Mit ihrer Erfindung wollen August und Freder Stuckenbrok für neuen Schwung in der Fahrradindustrie sorgen. Bei einem Verkaufspreis von hundert Mark soll der Telekurbelantrieb vom Sommer an für bequemere Radtouren sorgen. „Auch ausländische Firmen haben großes Interesse“, sagt August Stuckenbrok. Warum ist man nicht schon längst auf diese Idee gekommen? „Die Fahrradbranche, vor allem die deutsche, hat das einfach verschlafen“, lautet die Antwort. Die Brüder, Inhaber einer Schlosserei, haben inzwischen für Fertigung und Vertrieb eine Gesellschaft gegründet, Privatleute und zwei Fabriken sind beteiligt. Erstes Unternehmensziel ist es, bis zum Herbst fünftausend Stück zu produzieren und zunächst dreißig neue Arbeitsplätze im armen Ostfriesland zu schaffen.

Hinter den Stuckenbroks liegen harte Jahre – und hohe Ausgaben. Die Entwicklung kostete eine Million Mark, durch Kredite finanziert. „Als kleine Schlosser aus Ostfriesland hat man es auch bei Verhandlungen mit möglichen Lizenznehmern und Käufern, die mit allen Wassern gewaschen sind, nicht gerade leicht“, berichtet August Stuckenbrok. Und was er sonst noch sagt, klingt wie aus einem Werbespot: „Ohne die vom EZN in Hannover hätten wir gar nicht die Kraft gehabt, die Idee umzusetzen. Wir haben diese Unterstützung geradezu jeden Tag gebraucht.“

Viel Lob für eine Institution, die hinter den drei Buchstaben steckt: das Erfinderzentrum Norddeutschland mit Sitz in der Innenstadt von Hannover. „Unser Angebot ist weltweit einmalig. Wir helfen den Erfindern von der genauen Formulierung ihrer Idee bis bestenfalls zur Markteinführung und zum Absatz“, umschreibt EZN-Geschäftsführer Lqthar Schaar die Aufgaben. Die Brüder Stuckenbrok zählten im Herbst 1981 zu den ersten, denen geholfen werden sollte. „Die Prüfung war in diesem Fall einfach. Wir haben uns aufs Rad gesetzt, einige Runden gedreht und waren sofort begeistert.“ Den Erfindern aus Ostfriesland konnten später 180 000 Mark an Fördergeldern vermittelt werden.

Die Idee zur Gründung des Erfinderzentrums hatte Birgit Breuel, damals Wirtschaftsministerin, heute zuständig für Finanzen in der niedersächsischen Landesregierung. Zunächst fünf Jahre lang sollten zwölf Mitarbeiter der Fraunhofer-Gesellschaft im Auftrag des Landes Tüftlern aus der Region unter die Arme greifen. Niedersachsen sollte nicht länger als technologische Provinz verschrien sein, Leute mit guten Ideen nicht mehr in andere Bundesländer abwandern. Für den Betrieb des Erfinderzentrums machte das Kabinett in Hannover 6,2 Millionen Mar -locker. Und von den bisher insgesamt 27 Millionen Mark für die Entwicklung der Vorschläge stellten Land und Bund Fördermittel von elf Millionen Mark bereit. Zweieinhalb Jahre nach der Gründung schloß sich die Landesregierung in Kiel dem Projekt an, seitdem ist das EZN auch für Ideen aus Schleswig-Holstein zuständig.