Von Lisaweta von Zitzewitz

Zwischen Bug und Oder hätte man kaum einen geeigneteren Tagungsort für das zweite deutsch-polnische Jugendforum finden können als Sobieszewo. Die siebenstündige Busfahrt von Warschau zur Halbinsel im Mündungsdelta der Weichsel überstanden die rund 80 Delegierten teils dösend, teils feucht-fröhlich debattierend. Dann ist das „Ostseezentrum für Jugendbegegnungen“ auf Sobieszewo erreicht. Der moderne, langgestreckte Bau, einsam inmitten eines alten Kiefernwaldes gelegen, verfügt über 280 Schlafplätze, drei Tagungsräume mit Übersetzeranlage, kleine Sitzgruppen für vertrauliche Gespräche und, nicht zu vergessen, über eine Diskothek. Wer das Konferenzgetöse aus seinem Kopf vertreiben wollte, trabte die paar hundert Meter bis zur Danziger Bucht, die um diese Jahreszeit unüberschaubar weit zugefroren war.

Das Gebiet von Sobieszewo stand abwechselnd unter polnischer und deutscher Herrschaft. Nach dem Versailler Vertrag wurde hier eine der Zollschranken zwischen Polen und der Freien Stadt Danzig errichtet. Dreißig Kilometer sind es vom „Ostseezentrum“ bis zur Westerplatte, wo der Zweite Weltkrieg ausbrach, etwa ebenso weit zur Gedenkstätte Stutthof, dem Konzentrationslager, in dem 85 000 Menschen den Tod fanden.

Eine dreitägige Klausurtagung von Deutschen und Polen, die mehrheitlich der Generation der Dreißigjährigen angehören, ein historisch überfrachtetes Gebiet – welche Rolle spielt dabei die Geschichte? Die unterschiedliche Bewertung der Frage, welche Lehren insbesondere die Bundesdeutschen aus der leidvollen Vergangenheit gezogen haben, überschattete bislang immer wieder den bilateralen Dialog. Schon das erste Jugendforum, das im Mai 1978 in Bonn stattfand, ging nicht ohne Spannungen ab. Auch das deutsch-polnische Forum der Erwachsenen wurde bei seinen vier Tagungen seit 1977 regelmäßig von der Geschichte eingeholt.

Das Jugendforum unterscheidet sich nicht nur durch das Alter der Teilnehmer, sondern ebenso in Struktur und Zielsetzung vom Erwachsenentreffen. Dort kommen Publizisten, Politiker, Wissenschaftler und Kirchenleute zusammen, um das gegenseitige Verstehen zu vertiefen und Lösungsvorschläge für die problematische Gegenwart zu diskutieren. Hier versuchen Vertreter der Jugendverbände beider Länder, vor allem die Rahmenbedingungen fur eine vertakte Zusammenarbeit bei ihren Partnerorganisationen abzustecken.

– Das klingt pragmatisch und zukunftsorientiert. Gleichwohl stand auch das Sobieszewo-Treffen im Zeichen der Geschichte. Sie ist Anlaß, Gegenstand und Ausblick. Der Zweite Weltkrieg wurde immer wieder als das tragischste Ereignis in den tausendjährigen deutsch-polnischen Beziehungen bezeichnet. Alle Teilnehmer bekräftigten ihren Willen, sich aktiv für die Normalisierung zwischen ihren Staaten auf der Grundlage des Warschauer Vertrages vom Dezember 1970 einzusetzen. Gemeinsame Kranzniederlegungen auf der Westerplatte und in Stutthof gehörten zum offiziellen Teil des Programms. Schwer auf seinen Stock gestützt, erklärte ein Pole in holprigem Deutsch fast emotionslos die grausame Vernichtungsmaschinerie des Lagers, in dem er selbst einmal Häftling gewesen war. Erst zum Schluß, als er seinen Zuhörern für den Ernst dankte, mit dem sie seinen Ausführungen gefolgt waren, verriet sein zerfurchtes Gesicht etwas von seinen Gefühlen.

In ihren Eröffnungsansprachen betonten die Vorsitzenden der Jugendverbände beider Länder, Jerzy Szmajdzinski und Klaus Westermann, fast gleichlautend, daß es gerade für die jüngere Generation ein Vergessen nicht geben dürfe. Vielmehr müsse sie zu einem verantwortlichen Umgang mit der Geschichte erzogen werden. Zugleich sprachen sie ihre Hoffnung aus, daß die Jugendverbände im Rahmen der bilateralen Zusammenarbeit weiterhin Pionieraufgaben wahrnehmen mögen. Die „Falken“, die bereits Ende der fünfziger Jahre Kontakte zu polnischen Jugendorganisationen knüpften, die Arbeit der evangelischen Jugend und der „Aktion Sühnezeichen“ sowie die im Dezember 1986 eröffnete Internationale Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz wurden immer wieder als beispielhafte Wegbereiter der Aussöhnung und der Entspannungspolitik gewürdigt.