Von Helmut Becker

Nach fünfhundert Jahren kolonialer Herrschaft sind wir erschöpft“, klagte 1985 der damalige Gouverneur von Macao Vasco de Almeida e Costa, „wir können binnen ein oder zwei Jahren gehen.“ Die Amtsmüdigkeit der portugiesischen Verwalter dieses ältesten europäischen Vorpostens in Fernost galt seit Jahren als offizielle Sprachregelung Lissabons: prinzipiell Kolonialisten wider Willen, die „sich von den Chinesen jedoch nicht das Datum ihres Abzugs diktieren lassen wollen“, wie Almeida damals versicherte.

Tatsächlich hatten die Portugiesen bereits zweimal abziehen wollen. Zuerst 1967, als Maos Kulturrevolution zu wochenlangen schweren Unruhen in Macao führte, und dann wieder im April 1974 nach dem Putsch des Generals Antonio Spinola im Mutterland. Damals hatte Portugal der Volksrepublik signalisiert, seiner 1951 einseitig proklamierten Überseeprovinz überdrüssig zu sein.

Doch je nachdrücklicher Lissabon Peking um die völlige Rückkehr Macaos in chinesische Administration bat, desto entschiedener lehnten die chinesischen Kommunisten ab. Peking lag damals nichts daran, in der benachbarten britischen Kronkolonie für Unruhe zu sorgen. Dies mußten vor allem Portugals Sozialisten 1974 erfahren, deren enthusiastische Offerte der „Entkolonialisierung Macaos“ auf keine Gegenliebe bei den roten Mandarinen stieß. Die Zeit zu Gesprächen über die Zukunft der mit fünfzehn Quadratkilometern winzigen Enklave, 64 Kilometer von Hongkong am anderen Ende des riesigen Deltas des Perlenflusses gelegen, sei nicht reif. Das historische Unikum lebte fort. Die Portugiesen wurden „das chinesische Territorium unter portugiesischer Verwaltung“, so die gequälte Definition des Macao-Status seit Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Lissabon und Peking 1979, so schnell nicht los.

„Die Stadt Gottes in China“, die die spärlichen Reste des portugiesischen Weltreiches symbolisierte, versank wieder in die einzigartige Mischung aus mediterranem und südchinesischem Schlendrian und in den gewohnten Schatten der großen Schwester Hongkong: eine schäbig romantische Verwandte der britischen Kronkolonie ohne Flughafen, ohne Börse, Handels- und Bankenzentrum und angelsächsische Effizienz.

1984 exportierte das 450 000 Einwohner zählende Territorium Güter im Wert von 912 Millionen Dollar – noch nicht einmal die Hälfte des monatlichen Ausfuhrwertes der Glitzerstadt Hongkong. „Hongkong hat Geld, wir haben unsere Ruhe“, freute sich Domingos Lam, der chinesische Generalvikar der Katholischen Diözese Macao, in einem Interview mit der Far Eastern Economic Review im Frühjahr 1985 und schwärmte: „Wenn man auf die Straßen Macaos tritt, fühlt man die lateinische Atmosphäre.“

Damit meinte der Gottesmann die „einzigartige architektonische Mischung aus südeuropäischen und südchinesischen Stilrichtungen und Lebensgefühlen“, von der die offiziellen Touristenführer Macaos berichten. „Wir sind ein Museum. Die vier Millionen Besucher jährlich beweisen unser einzigartiges kulturelles Erbe“, heißt es auch im Leal Senado, der völlig machtlosen Legislatiwersammlung, die in einem portugiesisch inspirierten Renaissancebau aus dem Jahre 1876 residiert.