Von Burkhard Kieker

Potsdam, Ende März

Es ist ein kleiner historischer Augenblick, und die Akteure wissen dies. Um 11.35 Uhr fährt der dunkelblaue Dienstmercedes des Bundesministeriums der Verteidigung mit Bonner Nummer vor dem DDR-Interhotel in Potsdam vor. Zwei Bundeswehroffiziere steigen aus, beide in Uniform: hellgraue Jacke, schwarze Hose, rotes Barett – „kleiner Dienstanzug“ nennen das die Militärs. Hans-Henning Kahmann und Joachim Hornig sind Oberstleutnants des Heeres, doch ihr militärischer Rang wird bei dieser Mission nur in zweiter Linie wichtig sein. Vor dem Windfang des Hotels „Stadt Potsdam“ wartet ein Dutzend Journalisten. Mikrophone werden den Offizieren entgegengereckt, Fernsehteams drängeln um die besten Plätze. Nach Beendigung ihres Unternehmens in der DDR wird man sie auch danach beurteilen, ob sie auf dem politisch verminten Terrain die passenden Worte fanden.

In der Eingangshalle des Interhotels haben sich zwei andere deutsche Offiziere postiert. Es sind Obristen in der olivgrauen Uniform der Nationalen Volksarmee. Zur Begrüßung wird Haltung angenommen. „Herzlich willkommen“, sagen die DDR-Soldaten eher kühl und sachlich, dann folgt ein kurzer Händedruck. Auf diesen Moment haben die Photographen gelauert. Zum ersten Mal begegnen sich Offiziere der Bundeswehr und der NVA auf dem Territorium der DDR. Bei dieser Premiere im Scheinwerferlicht wirken alle Beteiligten eher befangen.

Außer den Bundesdeutschen Kahmann und Hornig sind noch 38 weitere Offiziere aus 20 Ländern nach Potsdam gereist, darunter auch Militärs aus der Schweiz und Österreich. Die Veranstaltung in der alten kaiserlichen Garnisonsstadt heißt im diplomatischen Jargon „vertrauensbildende Maßnahme“. Truppen des Warschauer Paktes üben – die ausländischen Offiziere dürfen zuschauen. Dazu hat man das Hotel gegenüber der Nikolaikirche, dort, wo einmal das Stadtschmoß der Hohenzollern stand, zu einem kleinen Hauptquartier gemacht. Das große Restaurant im Erdgeschoß ist für normale Sterbliche gesperrt, und wenn die rund drei Dutzend Uniformträger im Gespräch durch die Lobby schlendern, herrscht auch dort die gepflegte Atmosphäre eines internationalen Offizierskasinos.

Per diplomatischer Note hatte die DDR mitgeteilt, daß im Raum Gardelegen–Magdeburg–Lübben–Brandenburg rund 23 500 sowjetische und 1500 ostdeutsche Soldaten mit 500 Panzern und 300 Geschützen zu einem Großmanöver aufmarschieren würden. Für eine Woche, vom 23. bis zum 30. März 1987, sollten dort zwei motorisierte Schützendivisionen der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) unter der Leitung des Armeegenerals Belikow die Verteidigung üben. Vier Tage, von Mittwoch bis zum Samstag, waren zur Beobachtung angesetzt; allerdings nicht für die westliche Presse, die auf Distanz gehalten wurde. Auch den militärischen Beobachtern war Photographieren verboten. Die Oberleutnants Kahmann und Hornig mußten sogar ihre Feldstecher daraufhin überprüfen lassen, ob nicht etwa eine Minikamera eingebaut sei.

Die Manöverbeobachtungen sind erst vor einem halben Jahr bei der KVAE (Konferenz über Vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen und Abrüstung in Europa) in Stockholm vereinbart worden. Ungewöhnlich schnell für eine Ost-West-Konferenz hatten sich die 35 Teilnehmerstaaten darauf verständigt, künftig bei allen Manövern mit mehr als 17 000 beteiligten Soldaten je zwei Beobachter aus jedem Land einzuladen. Die treibende Kraft für die Einigung war das Unbehagen der Militärstäbe und Politiker sowohl bei der Nato als auch im Warschauer Pakt, die wissen, wie leicht sich aus einem Manöver mit 50 000 oder 70 000 Soldaten nahe der Landesgrenzen ein Überraschungsangriff vortragen läßt.