Wie Lehnhoff/Wonder/Parmeggiani/Sawallisch letztlich scheiterten

Von Heinz Josef Herbort

Anfang August 1986 Wotan: Den Ring muß ich haben.

Mitten hinein in die jubelselige und bravofreudige Stimmung am Ende der Münchner Opern-Festspiele hat die bayerische Staatsregierung eine Bombe geworfen: Es sei „politisch nicht verantwortbar“, schrieb die Frau Staatssekretärin an den Herrn Intendanten, wenn die Ausstattung der für kommenden März geplanten Neuinszenierung von Wagners „Ring des Nibelungen“ mehr als zwei Millionen koste. Hinter der vorgehaltenen Hand wird von drei Millionen geflüstert, die für das Bühnenbild von Erich Wonder und die Kostüme von Frieda Parmeggiani notwendig seien.

München, die Wagner-Stadt. 1865 wurden hier „Tristan und Isolde“, 1868 die „Meistersinger“, 1869 das „Rheingold“, 1870 die „Walküre“ und auch noch 1888 die jugendsündhaften „Feen“ uraufgeführt. Seit mindestens einem Dutzend Jahren indes darbt man hier am „Ring“, hat keinen, der „mitsprechen“ könnte, über den diskutiert würde wie über die in Kassel und London, in Cardiff, Leipzig und Berlin. Bayreuth, nun ja, da wird man noch zurückstehen, mehr nolens freilich als volens. Aber eine Produktion wie die von Melchinger, Friedrich oder Herz, wie die Ansätze von Stein und Grüber in Paris müßte es wohl schon sein. Wer stünde da noch an? Frankfurt hat die Berghaus, Bayreuth kriegt den Kupfer, und der Dorn kann nicht wollen oder will nicht können.

Oder wäre etwa die Inszenierung so entscheidend gar nicht? Wann, in der Tat, hätte man sich hier im Süden über eine Regie ernsthaft aufgeregt? Wie tückisch, umgekehrt, daß wir uns nur von fern noch erinnern, daß oder gar wie Albrecht/Lockhardt und Davis, Gerd Banner und Richard Armstrong dirigierten? Und wer sang doch den ersten Pop-Siegfried in Jeans, die Brünnhilde auf der Raumschiff-Rakete, den Wotan im Science-fiction-Mobiliar? Wird das musikinteressierte München die Gewichtungen umkehren, wenigstens zurechtrücken? Oder verrät es schon Zukünftiges, wenn der ministerielle Einspruch sich ausgerechnet gegen eine aufgeblähte Ausstattung wendet, jenen eigentlich doch eher sekundären Teil des Gesamtkunstwerkes, der aber in jüngster Zeit hat kaschieren müssen, daß Solisten wie Orchester den Ansprüchen nicht oder kaum mehr kontinuierlich gerecht werden, die auf fatale Weise durch die technischen Manipulationskünste moderner Medien ins fast Unmenschliche gesteigert wurden?

Nun fangen die einen an zu rechnen: Eine „Ring“-Produktion muß mindestens zehn Jahre lang halten – 300 000 Mark pro Jahr; oder: eigentlich handelt es sich doch um vier „Opern“ – 750 000 Mark das Stück. Das kann doch, das darf doch nicht zuviel sein ... Eine Million, sagen die anderen, werde man als Spenden hereinholen, von kunstinteressierten Industriellen, mäzenatischen Bänkern, betuchten Privatiers – und vergessen, daß davon 500 000, eine liebenswerte Kleinigkeit, am Steuersäckel vorbeigespendet werden. Die Sponsoren könnten, fürchten wieder andere, mitreden wollen und so das labile Machtgefüge zwischen Kultur und Politik, zwischen Kunst und Geld tangieren, ins Schwanken bringen. Am fatalsten freilich wäre das Bewußtsein, das aus dem kolportierten Satz des Intendanten spricht, er verlange für das Theater „vom Staat nicht eine Mark mehr, als was ihm sowieso zusteht“. Zusteht! München 1986/87 oder: Die Not, den Ring schmieden zu müssen – nein: ihn haben zu wollen. „Man muß dran glauben“, sagt Heinrich Faust – „Muß man?“ wird zurückgefragt.