Menschenleeres Land, eine unwirtliche Hochebene, ringsum nur Wasser, Hügel, Moos. Ein Zug hält auf offener Strecke. Eine Weiche, eine Falle wird gestellt Die Frau in Rot ist ausgestiegen, zu spät erkennt sie ihren Irrtum. Der Zug verschwindet in der Ferne. Neben den Gleisen steht das Haus des Weichenstellers. „Beim ersten Anblick des Gebäudes zog ein Hauch von unerträglicher Düsternis durch meinen Geist...“, flüstert Edgar Allan Poes Besucher im Hause Usher. Stellings Düsternisse sind bescheidener, doch genauso wirkungsvoll.

Ein plumper, verlotterter Gnom schlurft aus der Tür: der Weichensteller (Jim van der Woude). Norman Bates läßt grüßen. Als es draußen dunkel wird und kalt, folgt ihm die schöne Dame in seine Stube, trinkt von seinem Kaffee. Degoütant, sagt sie. Der Weichensteller versteht kein Französisch, er glaubt, dies sei ihr Name. So nennt er sie, so nennt sie ihn: degoütant, abscheulich. Der nächste Zug kommt erst in einem Jahr. So lange bleiben die beiden zusammen, zwischen Stellhebeln, Ratten, Käfern, Kakerlaken und schmutzigem Geschirr. „Der Weichensteller“: degoütant.

Film, sagt Jos Stelling, ist eine katholische Kunst. Der Niederländer Stelling hat zehn Jahre als Zögling in einem jesuitischen Internat verbracht, er kennt die frommen Musen aus der Nähe. Seine Filme, „Der Illusionist“ (1983) und nun „Der Weichensteller“, sind raffinierte Racheakte am Religiösen, blasphemische Kameraorgien, in denen die unbefleckte Schönheit der Bilder mit Wollust zum Teufel gejagt wird. Im „Weichensteller“ wirft sich die schöne, blonde Stephane Excoffier, ein Kino-Gesicht irgendwo zwischen Michèle Morgan und der frühen Lilo Pulver, in ihrem Abteil in Schale, als gelte es, einen Opernabend zu überstrahlen; dann, in den Fängen ihres Eisenbahner-Quasimodos, geht sie mehr und mehr aus der Form, wird aschgrau und mehr wie eine verfaulende Frucht, die der verklemmte Weichensteller am Ende in einem Anfall brünstiger Begierde eher lieblos vernascht. Je vom condamne, Marie könnte Stellings Losung heißen: Verkönnte seiest du, Maria. „Der Weichensteller“ ist so katholisch wie die Hölle selbst.

Stelling betreibt, wie seine Vorgänger in Malerei und Literatur, die Ästhetisierung des Abscheulichen: erlaubt ist, was verfällt. Sein Weichenstellerhaus ist eine Brutstätte morbider Lüste und Träume, die zwischen dem seltsamen Paar und seinen gelegentlichen Besuchern, dem stieläugigen Postboten (Josse de Pauw) und dem vierschrötigen Maschinisten (John Kraaykamp), in der Luft schwirren wie Fliegen, schillernd und scheußlich, in gedämpfter Panik.

Diesen „Lebenszyklus von Insekten“ (Stelling) beobachtet die Kamera mit lustvoller Neugier, sie weidet sich an dem schweren Rot von Madames Gewändern, dem purpurnen Beerensaft, der sich über den ebenso geilen wie unbeholfenen Postboten ergießt, den Schleimspuren der Schnecken, dem Wimmeln der Ameisen und den Verrenkungen der Menschen. Dieses Käferleben ist wortlos wie die Akrobatik des Weichenstellers, der seine Apparatur mit Fußtritten und rasenden Armbewegungen in Gang hält. Stelling hat einen Stummfilm gedreht, der sich als Tonfilm tarnt.

Ein Geräusch freilich wird der Zuschauer nicht los: das Zwitschern des künstlichen Vogels, der dem Weichensteller die Stunden ansagt. So perfekt und leblos wie das Tirili dieses Maschinchens wirkt auch Stellings Ausflug auf die Seitengeleise des Kinos: Die Mechanik funktioniert, aber es funkt nicht. Stellings Bilder sind kostbar und vieldeutig, sie geben den protestantischen Kinotheoretikern viel zu denken. Die Geschichte vom Weichensteller kommt trotzdem nicht in Fahrt, sie schleicht nur auf Nebenstrecken zwischen Poststukturalismus und Psychoanalyse dahin. „Der Weichensteller“ ist ein gut katholischer Film, er hofft auf Erlösung von der eigenen Künstlichkeit.

Zuletzt fährt doch noch ein Zug. Die Frau in Rot sitzt im Abteil. Sie spielt mit einem Insekt in ihrer Hand. So könnte eine neue Geschichte beginnen: Wenn eine Reisende in einer Winternacht...

Andreas Kilb