Eine Grenzwanderung des Psychoanalytikers durch die interdisziplinären Gebiete von Kunst und Psychiatrie zeigt, daß die unterschiedlichen Vorstellungen davon, was der Mensch sei und die davon abgeleiteten Krankheitslehren lange Zeit auch das Verständnis und die Behandlungsprinzipien der psychiatrischen Krankheit bestimmten. Heute haben wir weder in der Wissenschaft, noch in der Philosophie und Religion ein Menschenbild, das Aussagen zum Bereich des Seelischen riskiert. Deshalb fällt es uns schwer, diesem Gebiet ein überzeugendes Verständnis entgegenzubringen und mögliche Erklärungen für die Erlebnisbereiche der Kreativität zu finden. Das heißt auch, daß wir uns schwertun mit der Kunst der Geisteskranken. Da hilft uns keine Ich-Psychologie, kein Ich, Über-Ich oder Es, da bleibt eben alles im verständnisvollen Beschreiben oder oft widersprüchlichsten Deutungen psychoanalytischer oder psychologischer Denkschemen stecken.

Auch ein Psychiater mit solidem Wissen wie Hartmut Kraft bleibt bei solch unzulänglicher Methodik auf der Suche nach der Seele ohne Antwort. Seine Abrisse der Geschichte der Psychiatrie und der ersten Spuren und Dokumente bildhaften Gestaltens in der Psychiatrie vor und nach Prinzhorns richtungsweisender Arbeit (1922), die Lösungsversuche dieser komplizierten Rätsel bleiben ohne ein Koordinatensystem, bleiben trotz der Versuche auch persönliche Standorte zu beziehen, ohne Verbindlichkeit.

Neu dargestellt und interpretiert hat Kraft Einzelschicksale von Künstlern mit psychiatrischen Erkrankungen wie Vincent van Gogh, Alfred Kubin, Adolf Wölfli und andere. Die einzelnen Fälle werden in vier Gruppen (bei vielen möglichen) eingeteilt:

1. Unter „Entwicklung und Stillstand“ werden Beispiele gegeben für die Erhaltung und den Stillstand des Gestaltens in der Kindheit und der Zeit psychischer Erkrankung.

2. „Rückschlag und Neubeginn“ erklärt einen krankheitsbedingten Neubeginn der künstlerischen Aktivität bei akut Behinderten.

3. „Der Kampf mit dem Dämon“ beschreibt den Kampf um eine Kommunikationschance des psychiatrischen Kranken mit seiner Umwelt.

4. „Mit leeren Händen“ erläutert die Resignation und Problemwelt der Alten und Behinderten.