Wie Kino-König Riech seine Mitarbeiter schreckt

Von Rüdiger Jungbluth

Es gab immer schon viele Etiketten für den Freckenhorster Unternehmer Heinz Riech: Kino-König, Selfmade-Monarch, Alleinherrscher, Energiebolzen, vitales Ereignis, Tycoon, Pate, preußischer Kapitalist. Eine Bezeichnung kommt jetzt hinzu: Gewerkschaftsfresser.

In der Branche ist Riech mit Abstand der Größte. Rund 300 Kinos in der ganzen Bundesrepublik nennt er sein eigen. Und es sind die umsatzstärksten unter den knapp 3000 Lichtspielhäusern im Lande. Der Gesamtumsatz von Riechs, in diverse Einzelunternehmen verschachtelten, Imperium wird auf 150 bis 170 Millionen Mark jährlich geschätzt. Gleichwohl legt Heinz Riech Verhaltensweisen an den Tag, wie man sie bisher vor allem von rabiaten Mittelständlern erfahren hat.

Es war im Sommer 1985, als sich die Beschäftigten in den Freiburger Riech-Kinos Kurbel, Astoria und Schwarzwaldcity entschlossen, einen Betriebsrat zu wählen. Nachdem der Betreiber der Kinos, die Düsseldorfer Olympic Filmtheaterbetriebe Heinz Riech und Sohn oHG, davon Wind bekommen hatte, reiste der Personalchef und Leiter der Rechtsabteilung Hartmut Blecher nach Freiburg, um kurzerhand selbst einen Wahlvorstand zu installieren. Als ihm die Mitarbeiter klarmachten, daß er das nicht dürfe, zog Blecher wieder ab. Von nun an verlegte sich die Olympic aufs Prozessieren. Schon die Wahl des Wahlvorstands, die von der Gewerkschaft Rundfunk-Fernseh-Film-Union (RFFU) durchgeführt worden war, fochten die Riechs vor Gericht an. Ebenso die Betriebsratswahlen. Begründung: Die drei Freiburger Kino-Center seien eigenständige Betriebe, dürften also nicht gemeinsam einen Betriebsrat wählen. Doch die Riechs scheiterten kläglich. Die Olympic versuchte außerdem, zwei Mitarbeiter in den aufrührerischen Freiburger Kinos zu entlassen. Nachdem die vors Arbeitsgericht gezogen waren, nahm die Olympic die Kündigungen zurück.

Exempel statuiert

Unterdessen erstritt der Freiburger Betriebsrat zahlreiche Vorteile für die Kollegen. Kassiererinnen, die auch Süßigkeiten verkaufen mußten, bekamen dafür Zuschläge zum Lohn. Filmvorführer, die gleichzeitig mehrere Kinos zu betreuen hatten, erhielten mehr Geld. Der Betriebsrat verhinderte, daß die Kino-Mitarbeiter, wie angekündigt, auch die Arbeit der Putzfrauen übernehmen mußten.

Die Freiburger bescherten Riech auch den ersten Kino-Streik in der Geschichte der Branche, deren Beschäftigte kaum organisiert sind. Während der Tarifverhandlungen zwischen Gewerkschaft und Filmtheaterverband ließen die Freiburger im vergangenen Jahr in allen örtlichen Riech-Kinos die Samstagabend-Vorstellung ausfallen. Die Besucher wurden über die Arbeitsbedingungen und Löhne – der Stundenlohn einer Kassiererin betrug rund 6,50 Mark – aufgeklärt. Es gab Bier, Erdnüsse und im Foyer des Kurbel-Kinos kostenlos den Truffaut-Film "Auf Liebe und Tod". "Erst wurde lebhaft diskutiert, dann kam richtige Partystimmung auf", freut sich Betriebsrat Bernt Walter über die "tolle Reaktion des Publikums".

Riech und Sohn versuchten derweil mit Rationalisierungsmaßnahmen zu zeigen, wer in ihren Kinos das Sagen hat. Im April 1986 teilten die Riechs dem Freiburger Betriebsrat mit, in allen Freiburger Kinos würden sogenannte Endlos-Teller installiert und damit einige Vorführer arbeitslos. Der Betriebsrat wurde nicht an der Entscheidung beteiligt, wie es hätte sein müssen. Die Vorführmaschinen seien ja schon vor Jahren bestellt worden, hieß es bei der Olympic. In völliger Unkenntnis der Rechtslage wollte Riech-Jurist Blecher diesmal ein Betriebsratsmitglied auf die Straße setzen. Zuvor hatte Blecher bereits versucht, die vermeintlichen Unruhestifter mit Geld loszuwerden. Betriebsrat Christoph Schwalb: "Er hat mir bis zu 14 000 Mark geboten, wenn ich gehe."

Nachdem der Betriebsrat angedroht hatte, vor Gericht zu ziehen, schlugen die Riechs in Freiburg eine härtere Gangart ein. Der Kino-König und sein Sohn machten zwei ihrer drei Freiburger Center, das Astoria und das Schwarzwaldcity, dicht. Vierzehn Mitarbeiter verloren ihre Arbeit. Die Ertragslage sei halt einfach zu schlecht, verkündete Riech junior. Der Betriebsrat bezweifelte das, mußte aber tatenlos zuschauen. Gegen die Schließung war er machtlos. "Die Riechs haben hier ein schreckliches Exempel statuiert", meint Michael Brändle, der Rechtsanwalt des Freiburger Betriebsrates.

Mit ihrer Freiburger Radikallösung ist es den Riechs nicht nur gelungen, den Beschäftigten in ihren 300 Kinos zu zeigen, wer der Herr im Hause ist. Sie haben auch erreicht, daß es in Freiburg bald keinen dreiköpfigen Betriebsrat mehr geben wird. Denn im verbliebenen Kurbel-Kino arbeiten weniger als zwanzig Mitarbeiter. Sie können beim nächsten Mal nur noch einen Betriebsobmann wählen, und der hat erheblich weniger Rechte als ein Betriebsrat.

Dennoch gab es eine Fortsetzung im Freiburger Kino-Krieg. In Kürze wird das Schwarzwaldcity wiedereröffnet, eines der beiden Kinos, die Reich im Juni 1986 dichtgemacht hatte. Das andere frühere Riech-Kino Astoria zeigt schon seit Dezember wieder Filme. Betreiber der beiden einst als unwirtschaftlich bezeichneten Lichtspielhäuser ist die Filmtheaterbetriebe Wittekind GmbH, die auch in Herford vier Kinos hat.

Der Freiburger Betriebsrat argwöhnt, daß in Wahrheit die Riechs hinter dieser Firma stecken. Wittekind-Geschäftsführer Theo Prell und Riech junior bestreiten indes eine Zusammenarbeit entschieden. Doch der Freiburger Betriebsrat Christoph Schwalb weiß anderes zu berichten: "In der Kurbel wurde mit Vorschauen und Plakaten mehrfach für Filme geworben, die später im Astoria liefen. Unter Konkurrenten völlig unüblich." Der Kassenschlager "Crocodile Dundee" sei eine Nacht in der Kurbel gelaufen und wird inzwischen im Astoria gezeigt. Bei der Olympic verweist man auf "alte Verträge" mit den Verleihern.

Die Freiburger Geschehnisse haben die Kino-Manager in der Düsseldorfer Zentrale der Riech-Gruppe aufgeschreckt. Personalchef Blecher reiste kreuz und quer durch die Republik und ließ in den Filmtheatern Betriebsobleute wählen, um gewerkschaftlichen Bestrebungen zuvorzukommen. Denn die Gewerkschaften passen nicht in das Weltbild des Heinz Riech, der aus dem Nichts zu Deutschlands Kino-König aufstieg.

Der gebürtige Ostpreuße stand schon mit vierzehn Jahren am Projektor. Und als Truppenbetreuer führte er im Krieg den Frontsoldaten "Wiener Blut" vor. Die Kriegszeit hat Riech geprägt. Vieles von dem, was er könne, habe er bei den Pionieren gelernt, sagte er selbst einmal. Mit seinen Angestellten verkehrt er im Kommandoton,

Den Grundstein seiner Kino-Karriere legte Riech 1945 im Münsterland. Geld verdiente er auch mit Tankstellen und Supermärkten. Riech, er raucht und trinkt nicht, handelte mit Tabak und Spirituosen. Der clevere Geschäftsmann sah auch das Kino-Sterben voraus und verkaufte rechtzeitig die Lichtspielhäuser auf dem Lande. Seit 1960 geht Riech nur noch in Großstädte, vorzugsweise in beste Lagen.

Die Filmbranche überraschte Riech 1971, als er Bertelsmann für vierzig Millionen Mark die Ufa-Theater AG abkaufte. Von den Amerikanern lernte der Kino-König, wie man auch ohne Zukäufe die Zahl seiner Kinos mehren kann – durch Zellteilung. Aus dem Ufa-Palast am Hamburger Gänsemarkt machte er sechzehn Kinos. Das Center-Prinzip erlaubte ihm, profitabler zu wirtschaften als die Konkurrenz. Kassierer, Platzanweiser und Vorführer müssen für mehrere Kinos arbeiten. Erfolgsfilme kann Riech – zum Leidwesen der Konkurrenz – restlos ausschlachten. Füllt ein Kassenschlager den großen Saal nicht mehr, wandert er eben in ein kleineres Kino. In der dreißigsten Woche flimmert der Streifen dann bei Wohnzimmer-Atmosphäre.

Nicht zimperlich

Ein Beispiel seiner Geschäftstüchtigkeit gab Riech im Sommer 1981. In seinen drei größten Kinos ließ er den Film für eine Viertelstunde unterbrechen, um mehr Süßigkeiten und Getränke verkaufen zu können. Als der Filmverleiher United Artists darauf bestand, daß James Bonds "Geheime Mission" ohne Pause gezeigt würde, nahm Riech kurzerhand einen höheren Eintrittspreis, angeblich "wegen Überlänge", wie das Fachblatt Film-Korrespondenz damals zu berichten wußte.

Seine inzwischen rund 300 Kinos sichern Riech bei den Filmverleihern eine übermächtige Position. Kinobesitzer klagten, Riech zwinge die Verleiher, unliebsame Konkurrenz nicht zu beliefern. Auch das Bundeskartellamt beschäftigte sich schon mit Riechs Geschäftspraktiken, konnte freilich nichts nachweisen.

Kaum jemand in der Branche traut sich, den Mund aufzumachen. Mit Riech will es sich keiner verscherzen. Denn im Umgang mit Kritikern ist der Kino-König nicht zimperlich. Das erfuhren die ZEIT und ihr damaliger Filmkritiker Wolf Donner, die Riech 1976 mit horrenden Schadenersatzforderungen überzog, nachdem Donner formuliert hatte, was viele Kinofreunde empfanden: daß Riechs "Schuhkarton-Kinos" "Ramschläden" seien, untergebracht in Gebäuden mit "Höhlen und Schläuchen vom Keller bis unters Dach, ausgestattet wie schäbige Bordell-Wartesäle, zusammengekleistert wie billiges Heimhandwerk". Sechs Jahre dauerte der Prozeß, an dessen Ende das Oberlandesgericht Hamburg Riechs Schadenersatzforderungen zurückwies.

Angst vor Riechs Juristen haben auch seine Beschäftigten. In seinen Arbeitsverträgen läßt sich Riech "strengstes Stillschweigen" garantieren, das auch nach Beendigung des Dienstverhältnisses gilt. Kaum einer möchte mit Namen genannt werden. Selbst Ausgeschiedene bleiben lieber anonym.

Riech macht so manchem das Leben schwer. In Frankfurt setzte sich der Filmvorführer Andreas Härtung für Betriebsratswahlen ein. Danach passierte ihm folgendes: Die Ufa kürzte ihm Arbeit und Lohn. "Erst wurde ich nur noch an vier Tagen eingesetzt, dann an drei, zum Schluß an zwei Tagen in der Woche." Der Vorführer, der einst rund 1300 Mark netto verdiente, kam nur noch auf 700 Mark im Monat, "davon konnte ich nicht leben".

Zu welchen Methoden man im Hause Riech greift, zeigt auch der Fall des Filmvorführers B. Ihn hatte Personalchef Blecher im Verdacht, hinter den gewerkschaftlichen Bestrebungen zu stecken. Doch wie trennt man sich von einem langjährigen pflichtbewußten Mitarbeiter? Indem man goldene Löffel auslegt. Ein ehemaliger Theaterleiter berichtet: "Herr Blecher wollte mal sehen, wie ehrlich der Herr B. ist und gab mir eine Geldbörse mit 120 Mark. Die sollte ich im Flur auslegen, und der Herr B. sollte die finden." Herr B. fand die Börse und gab sie, vom Theaterleiter gewarnt, umgehend ab. "Niemand darf die Wahl des Betriebsrates behindern", so steht es im Betriebsverfassungsgesetz, und "niemand darf die Wahl des Betriebsrates durch die Zufügung oder Androhung von Nachteilen oder Versprechen von Vorteilen beeinflussen".

Doch auch in Düsseldorf ignorierten die Riech-Leute das Gesetz. Wieder wurde, so berichtet Rechtsanwalt Horst Welkoborsky, vor der Wahl massiv Druck ausgeübt, wurden Kündigungen ausgesprochen, oder man versuchte es auf die sanfte Tour. Reiner Rautenberg, einst Betriebsratsmitglied bei Riech, berichtet, man habe ihm Posten als Theaterleiter, in einem Riech-Hotel und in einem Riech-Sportklub angeboten oder 10 000 bis 15 000 Mark, wenn er Ruhe gäbe. Rautenberg: "Das muß man sich mal vorstellen. Ich hab’ doch bei denen nur 800 Mark netto verdient."

Heinz Riech stellt sich selbst gern als der fürsorgende Vater seiner rund 1500 Beschäftigten dar und erzählt schon mal, wie er Mitarbeiter aus dem Gefängnis geholt habe. Die Realität sieht indes anders aus. In einem Brief Berliner Riech-Angestellter, den die Gewerkschaftszeitung Hörfunk, Fernsehen, Film veröffentlichte, wird dem Kino-König vorgeworfen, "soziale Gesetze nicht zu achten" und Mitarbeitern "ins Gesicht zu schreien". Ein früherer Riech-Mitarbeiter berichtet von "Großalarm" in den Kinos, wenn Riech in eine Stadt kommt. Bei diesen Gelegenheiten testet der Chef gern mal die Kino-Einlasserinnen, die kein Geld annehmen dürfen. Handwerkern reißt Riech ("in meiner Firma bin ich der beste Techniker, der beste Verwaltungsmann und der beste Steuerfachmann") schon mal den Hammer aus der Hand und zeigt, wie’s geht. Bei seinen Wutausbrüchen, berichten Augenzeugen, brüllt Riech auch schon mal "fristlos entlassen", wenn ihm einer in die Quere kommt. "Die haben wir dann immer weggeschickt, wenn Riech kam", sagt ein Ex-Theaterleiter.

Berüchtigt sind die Weihnachtsfeiern, zu denen Riech schon seit Jahrzehnten seine Theaterleiter einlädt. "Da werden die Leute reihenweise abgekanzelt", erzählt einer, der dabei war. Mehr als nur im Ton vergriff sich Riech bei der Weihnachtsfeier 1984, zu der das Unternehmen seine Theaterleiter in die Düsseldorfer Bhagwan-Diskothek eingeladen hatte. Da stand dann der Kino-König auf der Tanzfläche und heftete seinem Revisor für besondere Verdienste eine Anstecknadel an. Sein Lob über den tüchtigen jungen Mann kleidete der frühere Wehrmachtssoldat in die Worte: "Das ist die Gestapo der Ufa."