Hamburg: „Marcel Odenbach. House & Garden“.

Das Leben – ein Film: Es zerfällt in Einzelbilder; Erinnerungen vielleicht; Erträumtes auch. Der Mensch: Er ist nur Statist in seinem Film, einem schlecht gemachten obendrein. Denn Sequenzen überlagern sich, stören einander. Es gibt keine Logik, keine Handlung mit Anfang und Ende, nur grelles, kurzes Aufblenden, Schrecksekunden, Sehnsuchtsvisionen, dann grausames, graues Einerlei. Viel wahrer und realer sind die alltäglichen Dinge, die, die man tagein, tagaus zu sehen bekommt. Die, die immer gleich, immer nichtssagend, immer weder gut noch schlecht, weder schön noch häßlich sind: die mörderisch spitzen und scharfen Geräte für die nie enden wollende Gartenpflege; die kahlen Hochhäuser mit ihren gleichgültigen und unergründlichen Fenstern; die stillen, Wind und Regen trotzenden Schindeln auf dem Dach. Auf sie projiziert Marcel Odenbach, der dreiunddreißigjährige deutsche Künstler, Fetzen dieses Lebensfilms. Und so, wie wohl jeder mitunter Entdeckungsreisen in seiner Erinnerung unternimmt, sehen wir seine Zeichnungen an. Lesen wie Archäologen das Leben hinter den Dingen ab, suchen zusammen, was vielleicht einen Sinn ergibt. Gern vergißt der Mensch Schreckliches. Die Zeit glättet und deckt zu. Ein schönes, gehegtes Rosenbeet, ideal wie aus den Hochglanzprospekten (Marcel Odenbach verwendet Photokopien, die er überzeichnet), läßt vergessen, soll vergessen machen. Doch bei Odenbach werden die groß in den Vordergrund gerückten Gartengeräte zu rachsüchtigen kriminalistischen Werkzeugen. Der Spaten stößt auf die Verscharrten, die Hacke auf Gehängte, Erschossene, Ermordete, die Opfer des politischen und sozialen Lebens jenseits der Blumenidylle. Lampenschirme reagieren wie Diaprojektoren. Sie erleuchten sehnsuchtweckende Bilder aus der Kindheit, vom Freund, von der Freundin. Die Dachschindeln verbergen kaum all das Erlernte, all die Traditionen, die Geschichte, die zu uns gehört, die wir auf ewig mitschleppen: Weihnachtliches in altdeutschen. Altarbildern, pädagogisch Wert- und Zuchtvolles aus unseren Kinderbüchern, Ruhm- und Machtsüchtiges aus dem Dritten Reich. Das Leben, es ist verloren in Marcel Odenbachs Bildern. – Entstanden sind sie zuerst als Ideenskizzen für seine Videoarbeiten, waren Drehbücher, bis sie sich zu selbständigen Werken mauserten, ohne je das Zertreibende und Scheinreale unserer Film- und Fernsehwelt zu verlieren. (Galerie Ascan Crone bis zum 19. April, Katalog 10,– DM) Elke von Radziewsky

Krefeld: „Günther Förg“

Eine Begegnung der eher komplizierten Art: Mies van der Rohe trifft Ludwig Wittgenstein. Im Museum Haus Lange, dem Baudenkmal und Ausstellungsort gewordenen ehemaligen Krefelder Wohnsitz eines Sammlers, wird das Haus Wittgenstein beschworen, ein „Wohnpalais“ im dritten Bezirk Wiens, das der Philosoph, damals Lehrer, für seine Schwester baute, zusammen mit Paul Engelmann, einem Loos-Schüler. Die Häuser entstanden ungefähr zeitgleich, gegen Ende der zwanziger Jahre, und Günther Förg, jüngster Mies-van-der-Rohe-Stipendiat in Krefeld, der sich schon früher vom Architektur gewordenen Geist Wittgensteins anziehen ließ, macht das Wiener Haus und seine hochstrebenden, kaum mehr zu reduzierenden Formen zum Thema eines Raum-Bild-Photo-Ensembles in Mies van der Rohes breit gelagertem Backsteinbau. Empfehlenswert ist, das Wittgenstein-Haus (heute Kulturabteilung der bulgarischen Botschaft) und seine trotz baulicher Eingriffe hochgemute Klarheit, seine edle Strenge und in ihrer ausgepichten Kargheit luxuriöse Raumordnung erlebt zu haben. Nur dann gewinnen Anspielungen für den Betrachter Bedeutung, etwa das Grau und Ocker der Krefelder Wände und das durchgängige Motiv des Fensters (bei Wittgenstein mit eisengefaßten Fenstertüren), die sich in Förgs Arbeit verselbständigen: Photographien der Wittgenstein-Fenster, durch Farbe und extreme Vergrößerung diffus geworden und durch raffinierte Lichtführung eher verunklärt, sind begleitet von dunklen Bronzereliefs mit lebendigen, fließenden Oberflächen, die mehr als Verneinungen des Themas erscheinen – Einblicke, die sich selbst genug sind. Ein Spiegel und ein ihm zugeordnetes Frauen-Photoporträt öffnen den Raum, zum Menschen (auch zum Betrachter) und zur Parklandschaft hin. Drinnen und draußen tritt in Beziehung zueinander – Mies van der Rohes großzügige Öffnungen ins Grüne hier, das flirrende Licht hinter Wittgensteins photographierten Glastüren dort. Und der Besucher, zunächst froh, schlichte formale Kontraste zwischen den Häusern und ihrer Wirkung ohne Schwierigkeit zu erkennen, mag über solche minimalen Erkenntnisse hinaus rätseln, warum Förg seiner Hommage zweiunddreißig kleinformatige Tafeln hinzufügt: aufeinander bezogene, leider in getrennten Räumen präsentierte „Bleibilder“, auf Blei gemalte Farbfelder in geometrischen Formvarianten. „Die Arbeit an der Philosophie ist – wie vielfach die Arbeit der Architektur – eigentlich mehr die Arbeit an einem selbst. An der eigenen Auffassung. Daran, wie man die Dinge sieht. (Und was man von ihnen verlangt).“ Ein Wittgenstein-Zitat – auch ein Gruß an Mies van der Rohe. Man sollte ihn dem Künstler in seinen schön gestalteten Katalog schreiben. (Museum Haus Lange bis zum 3. Mai, Katalog 30,– DM) Ursula Bode

Wichtige Ausstellungen

Berlin: „Der unverbrauchte Blick“ (Gropius-Bau bis 5. 4., Katalog 38 DM)

Bonn: „August Macke – Retrospektive zum 100. Geburtstag“ (Städtisches Kunstmuseum bis 10. 5., Katalog 39 DM)