Von Peter Reichel

Die ersten Jahre, die auf das Ende folgten, waren durch unvermittelte Gegensätze geprägt. Angst, Apathie und Zerstörungserfahrung lähmten die einen. Hoffnung, Euphorie und Aufbauwille bewegten die anderen. Ein neuer Anfang war notwendig. Und er schien sogar möglich. So, wie es war, sollte es jedenfalls nicht bleiben. Aber konnte es deshalb schon ganz anders werden?

Heute, aus dem Abstand von mehr als vierzig Jahren, wissen wir, daß es keine Stunde Null gab, kaum eine tiefergehende Zäsur. In den ökonomischen Verhältnissen und in der Kontinuität der Eliten brachten die Jahre nach 1945 nur eine Unterbrechung: Im kulturellen Leben gab es zwischen Kapitulation und Kaltem Krieg bloß ein – allerdings bemerkenswertes – Zwischenspiel. Denn das materielle Elend der Zusammenbruchgesellschaft wurde unerwartet rasch überwunden, während der geistig-kulturelle Aufbruch der Trümmerzeit nur von kurzer Dauer war und weitgehend folgenlos blieb. Die fünfziger Jahre setzten schließlich fort und steigerten noch, was in den dreißiger und frühen vierziger Jahren begonnen hatte oder für sie charakteristisch war: hohe Arbeitsproduktivität und politische Anpassung, Massenkonsum und Massenkultur. Zu Recht stehen diese Tendenzen und Erscheinungen im Mittelpunkt des zweiten Bandes von

Hermann Glaser: Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Band II: Zwischen Grundgesetz und Großer Koalition 1949-1967; Carl Hanser Verlag, München 1986; 380 S., 54,– DM.

Zwar fehlt, eine leitende Fragestellung, die das Material ordnet, die Darstellung strukturiert und den Gegenstand perspektivisch aufschließt. Die vier Kapitel finden jedoch ihren gemeinsamen Bezugspunkt in dem, was Glaser den „großen Konsumverein“ nennt. Griffige Formeln sind auch hier seine Stärke.

Ohne auf das Spannungsverhältnis von Kultur und Politik einzugehen, ohne sich überhaupt mit einer Erörterung des schwierigen Kulturbegriffs aufzuhalten, wendet er sich zunächst den politischen Grundlagen der Wirtschaftswunderwelt zu. Was anspruchsvoll „politische Kultur und geteilte Nation“ überschrieben ist, gerät ihm zu einer Skizze von Politiker-Porträts: Adenauer als rheinisch-katholischer Patriarch, Heuss als Praeceptor Germaniae. Treffende Charakterisierungen, gewiß. Aber was sagen denn die Repräsentanten über die Repräsentierten aus? Nicht die Sozialstruktur und ihre politisch-kulturellen Milieus, die politischen Einstellungen und Verhaltensmuster von gesellschaftlichen Großgruppen werden analysiert. Statt dessen wird Geschichte, wird Politik, hier einmal mehr auf Personen verkürzt. Wie dieses Buch überhaupt immer wieder große und weniger große Namen nennt, Personen und Persönlichkeiten vorstellt, bedeutende und weniger bedeutende Werke kommentiert.

Dort aber, wo Glaser stärker den einschlägigen sozialpsychologischen und soziologischen Analysen folgt, wird hinter der wohldekorierten Bühne prominenter Akteure etwas von der Funktionslogik und den Widersprüchen der Wohlstandsgesellschaft sichtbar. Die inzwischen zeitgemäße Verklärung der fünfziger Jahre zum problemlosen Aufstieg der Kellerkinder aus den Katakomben der Kriegsruinen in die Beletage der Wirtschaftswunderkinder findet hier keine Fortsetzung.