Jürgen Warnke verwaltet den viertgrößten Etat – und Bayern profitiert davon

Von Nina Grunenberg

Wenn die Nachrichtenlage entscheidet, stehen Jürgen Warnkes Chancen, ins Licht der Öffentlichkeit gerückt zu werden, selten gut. Viereinhalb Jahre lang ist er schon Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit gewesen, jetzt wurde er als Verkehrsminister bestallt, aber nicht einmal jedem Mitglied der Bundespressekonferenz in Bonn gelang es bisher, sich das Gesicht des 55jährigen einzuprägen.

Nie schlug Warnke eine Welle, nie lieferte er eine Schlagzeile, die Interesse für ihn geweckt hätte. Ihn nachrichtenwürdig zu machen, gelang nicht einmal den Dritte-Welt-Idealisten, die im Schatten seines Ministeriums unter der "Bürde des weißen Mannes" litten. Ihre anfangs empörten, später nur noch resignierten Zwischenrufe über den Mißbrauch der Entwicklungshilfe als "Instrument der deutschen Exportförderung" sammelte die Opposition nicht mehr – auch weil der Gegner so schlecht zu sehen war.

Jürgen Warnke hielt sich bedeckt. Dabei war er für jeden zu sprechen. Aber wer seine persönliche Bekanntschaft gemacht hatte, behielt einen Mann von korrekter Sachlichkeit in Erinnerung, an dem die Emotionen abtropften, und der so aussah, als schriebe er sich seine Ministervorlagen selber. Das schreckt ab.

Seine Unauffälligkeit geht so weit, daß es sogar dem Bundeskanzler schon passiert ist, ihn zu vergessen. Auf einer Parteiveranstaltung im vergangenen Jahr begrüßte Helmut Kohl wie gewöhnlich jeden Würdenträger am Präsidiumstisch einzeln, nur Jürgen Warnke nicht, der in der zweiten Reihe saß. Das riß die Journalisten aus ihrer Langeweile hoch: Hatte der Kanzler seinen Minister geschnitten? Gab es Krach zwischen Kohl und Warnke? Die Erklärung war schnöder: Der Kanzler hatte sein Kabinettsmitglied nicht gesehen.

Ist das alles schon die Wahrheit über Jürgen Warnke? Ohne Geräusche und große Umstände wurde der CSU-Mann im März bei der Regierungsneubildung wieder Minister. Da zu erwarten steht, daß er auch in den nächsten vier Jahren nichts von sich hören lassen wird, was über den Kreis der Fachleute hinausdringt, muß das Gebot der Chronistenpflicht ausreichen, um ihn vorzustellen. Unwichtig ist er schließlich nicht. Mit dem Verkehrsressort – er löst dort das alte CSU-Schlachtroß Werner Dollinger ab – hat er zwar kein klassisches Ministerium bekommen. Seit die Wachstumsträume des sozialdemokratischen Verkehrsministers Georg Leber zu den Akten gelegt wurden, ist das Amt auch nicht mehr kontrovers: Leber wollte noch 1969/70 "das größte Verkehrsnetz, das jemals in einem Land geplant worden ist", schaffen. Projektiert waren 13 000 Kilometer Autobahn, von der kein Bürger der Bundesrepublik mehr als 15 Kilometer entfernt wohnen sollte. Wie schnell die Werte wechseln und Träume zu Alpträumen werden: Die Bundesrepublik hat heute 8400 Kilometer Autobahn. 10 500 Kilometer sollen es im "Endzustand" sein, der jedoch, wie im Ministerium beruhigend versichert wird, "erst weit jenseits der Jahrtausendwende" erreicht sein soll.