Von Ludger Heid

Für Walther Rathenau waren sie eine "asiatische Horde", ein "abgesondert fremdartiger Menschenstamm", der die deutsche Kultur bedrohte. Vor ihrem Erscheinen inmitten des Berliner Tiergartens ängstigte er sich. Arnold Zweig idealisierte sie als "rosen- und veilchenfarbene, goldgeränderte Abendröte des jüdischen Volkes". Theodor Wolff, Chefredakteur des Berliner Tageblattes und Mitbegründer der Deutschen Demokratischen Partei bezeichnete sie als "unerfreuliche Schacherfiguren" und unter der westlichen Sonne "lichtfeindlich wirkende Gestalten", an deren langen Rockschleppen sich die Sage von der Unveränderlichkeit und "Gefährlichkeit einer jüdischen Rasse" anklammere.

Für Albert Einstein waren sie unglückliche Flüchtlinge, die sich aus der "Hölle" Osteuropas gerettet hatten; für die er sich veranlaßt sah, eine "Lanze zu brechen". Unter dem Eindruck der gegen sie gerichteten Schikanen wurde er bewußter Jude und bekannte sich zum Zionismus.

Diese gegensätzlichen Stimmen prominenter deutscher Juden, deren Aufzählung sich verlängern ließe, galten einer zugewanderten jüdischen Minderheit – Ostjuden in Deutschland. Die zitierten Äußerungen sind Hinweise auf die gebrochene Identität ostjüdischer Existenz in Deutschland zwischen Assimilation, Akkulturation, Zionismus, Orthodoxie und religiös-kultureller Selbstbehauptung.

Den Ostjuden in den Jahren der Weimarer Zeit ist eine voluminöse Monographie gewidmet, die umfassend über ihre Geschichte und ihr komplexes Beziehungsgeflecht zwischen deutschem Judentum und deutscher Gesellschaft in der Zeit der ersten deutschen Republik zwischen Kaiserreich und NS-Diktatur informiert:

Trade Maurer: Ostjuden in Deutschland 1918-1933; Hans Christians Verlag, Hamburg 1986; 972 S., 88,– DM.

Die vorliegende Untersuchung schließt eine Lücke in der Historiographie der deutsch-jüdischen Geschichte. Sie ist die erste umfassende wissenschaftliche Darstellung sowohl der deutschen Ostjudenpolitik wie der innerjüdischen Verhältnisse. Auch wenn durch die Zeitläufte des Holocaust wertvolles archivalisches Material verlorengegangen ist, gelang es Maurer, durch umfangreiches Quellenstudium staatlicher Archive der Bundesrepublik und Israels sowie einer umfangreichen Zeitungs- und Zeitschriftenanalyse und der Durchsicht der stenographischen Berichte deutscher Parlamente ein nahezu lückenloses Bild von ostjüdischem Leben in Deutschland zu zeichnen.

Viele deutsch-jüdische Soldaten kamen während des Ersten Weltkrieges erstmals mit Juden des Ostens in Berührung. Den weitgehend assimilierten deutschen Juden offenbarte diese Begegnung eine für sie unbekannte, urwüchsige jüdische Tradition und Kultur, wodurch ihr Selbstverständnis und ihr deutsch-jüdisches Elitebewußtsein erschüttert wurde. Von den deutschen Zionisten – auch wenn ihre Haltung nicht einheitlich war – wurden die Ostjuden zu einem "Gegenmythos" romantisch verklärt. Trade Maurer: "Der Ostjude wurde auch zum Maßstab ihrer Kritik am deutsch-jüdischen Leben, in die antibürgerliche Einstellung und Generationenkonflikte mit einflössen. "

Auf dem Höhepunkt der Zuwanderung 1925 zählte man in Deutschland 90 000 Ostjuden, was einem Anteil von etwa 15 Prozent der gesamtjüdischen Bevölkerung entsprach. Die meisten dieser osteuropäischen Juden ließen sich in den deutschen Großstädten nieder, wo sie, kulturell und gesellschaftlich abgesondert von der deutsch-jüdischen Öffentlichkeit, bestimmte Stadtteile bewohnten. Das Berliner "Scheunenviertel" hatte etwas von einem polnischen "Schtetl". Es besaß das Gepräge einer ostjüdischen Enklave im emanzipierten jüdischen Deutschland. Die Burgfriedenspolitik hatte nicht zum Abbau des antijüdischen Vorurteils geführt, sondern unter dem Eindruck eines allzu lange andauernden Krieges brach der Antisemitismus um so heftiger auf. Mit der "Judenzählung" 1916, der Sperrung der östlichen Grenzen zur Verhinderung einer ostjüdischen Zuwanderung, der Verweigerung der Einbürgerung, Internierung von Ostjuden in – schon 1920 so bezeichneten Konzentrationslagern wurden antisemitische Forderungen in staatliche Politik umgesetzt. Aber auch deutsche Glaubensbrüder traten den Ostjuden gegenüber wenig gastlich auf.

Seit der Novemberrevolution übte die öffentliche Meinung einen immer stärkeren politischen Druck auf die Regierung aus, die Ostjudeneinwanderung zu stoppen. Die rechtliche Stellung der Ostjuden war in den Anfangsjahren der Weimarer Republik zunehmend unsicherer geworden. Über ihnen schwebte ständig das Damoklesschwert der Ausweisung, wenn sie sich nach Meinung der jeweiligen Polizeibehörde "lästig" gemacht hatten oder einfach nur "unerwünscht" waren. Maurer stellt fest, daß polnische Juden proportional häufiger ausgewiesen wurden als polnische Christen.

Mit der Zunahme der ostjüdischen Einwanderung steigerte sich die Revolutionsfurcht der Behörden. Die revolutionären Aktivitäten einiger Prominenter jüdischen Ursprungs – vor allem innerhalb des Spartakusbundes – wie beispielsweise Rosa Luxemburg, Leo Jogiches, Paul Levi, August Thalheimer oder wie in der Münchner Räterepublik – Kurt Eisner, Erich Mühsam, Eugen Levine, Ernst Toller – bildeten nur eine Komponente des antisemitischen Gesamtbildes.

Die deutsch-jüdische Orthodoxie versprach sich von den Ostjuden, die meist aus einem streng frommen Milieu kamen, Impuls und Verstärkung von Jüdischkeit. Doch viele von ihnen brachen mit dem Grenzübertritt auch mit ihren religiösen Traditionen. Dennoch wurden die Ostjuden zu einem zu beachtenden Faktor im jüdischen Leben Deutschlands. Ihre Anwesenheit führte zu einer Polarisierung der deutsch-jüdischen Gegensätze. Die innerjüdischen Auseinandersetzungen, in die wegen des öffentlich-rechtlichen Charakters der Gemeinden auch die Staatsbehörden einbezogen waren, trugen Züge eines Machtkampfes, in welchem es nicht an Intrigen, unnötigen Schärfen und überspitzten Ideologien mangelte. Ostjuden in Deutschland waren zugleich "Beter und Rebellen": Sie waren ebenso kommunistisch, sozialistisch, anarchistisch oder syndikalistisch wie konservativ, religiös, orthodox, chassidisch oder atheistisch, zionistisch oder assimilatorisch.

Für die Zionisten waren die Ostjuden bei der "Eroberung der jüdischen Gemeinden" bevorzugte Koalitionspartner. Diese politische Allianz wurde vom liberalen Judentum stark bekämpft. Das zugleich prononciert Jüdische, das die Ostjuden weitgehend als Lebensart vertraten, suchten die Liberalen aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Die Zionisten traten für die Gleichstellung der Ostjuden, die in vielen deutschen Gemeinden in ihren Rechten eingeschränkt waren, ein. Ihr Engagement hatte aber auch ideologische Gründe, die ostjüdischen Einwanderer für den Zionismus, für die nationale Auffassung des Judentums in Deutschland zu gewinnen.

Einflußreiche Vertreter der deutschen Öffentlichkeit bis hin zu den Sozialdemokraten hatten bereits während des Ersten Weltkrieges ihre Stimmen gegen die ostjüdische Zuwanderung erhoben, so daß die preußische Regierung schließlich im April 1918 die lange geforderte Grenzsperre verfügte. Die politischen Verhältnisse in Russisch-Polen, die Auswirkungen der bolschewistischen Revolution, blutige Pogrome sowie militärische Rekrutierungen lösten Anfang 1919 eine neue ostjüdische Zuwanderung aus. Mit ihrer maßlosen Überschätzung dieser Zuwanderung und der damit verbundenen Gefahr für Deutschland übernahm die Neue Zeit gängige antisemitische Klischees. Insgesamt dreimal äußerte sich dieses SPD-Parteiorgan ausführlich zur "Einwanderung der Ostjuden". Bemerkenswert ist vor allem ein Artikel aus dem Jahre 1921, geschrieben von dem sozialdemokratischen preußischen Landtagsabgeordneten Theodor Müller, der ganze Passagen seines Artikels aus einer Broschüre des Alldeutschen Georg Fritz aus dem Jahre 1915 – ohne jeden Hinweis darauf – übernommen hatte und damit antisemitische Stereotypen. Da kein distanzierter Kommentar nachgereicht wurde, kann davon ausgegangen werden, meint Maurer, daß die Redaktion nichts gegen die antijüdischen Ausführungen einzuwenden hatte und kommt zu dem Schluß: "Doch auch in der neueren Forschung wurde dieser Artikel nicht als sozialistische Kopie eines alldeutschen Pamphlets erkannt und seine Bedeutung vollkommen unterschätzt."

Dennoch bleibt grundsätzlich festzuhalten, daß die damalige politische Linke – Kommunisten und Sozialdemokraten – als einzige politische Partei Ostjuden verteidigten. Das galt sowohl für die Publizistik als auch für ihr Eintreten in den deutschen Parlamenten, auch wenn einzelne Parteigenossen eine ablehnende Haltung gegenüber Ostjuden einnahmen. Gegen das antisemitische Gift waren selbst organisierte und klassenbewußte Arbeiter nicht immun. Der KPD ging es dabei nicht um die Verteidigung der Juden als religiöse oder nationale Minderheit, sondern um die ideologische, klassenkämpferische Komponente – schließlich wurden Ostjuden als Sozialisten und Kommunisten beschimpft.

Aus einer vergleichenden Zeitschriftenanalyse ergibt sich für Maurer eine xenophobe Grundeinstellung mit einem nach Völker und Rassen abgestuften weit verbreiteten Rassismus, der gegenüber Ostjuden umfassender und krasser als gegenüber anderen Gruppen war. Für die Antisemiten standen alle Juden noch unter den am meisten Verachteten. Gegenüber den fremd wirkenden Ostjuden fielen die Bedenken, die viele Deutsche gegen die antisemitische Propaganda hatten – sofern deutsche Juden betroffen waren – fort. Die eigentliche Bedeutung der Ostjudeneinwanderung für die Ausbreitung des Antisemitismus bringt Maurer auf die schlüssige Formel: "Die Haltung der Nicht-Antisemiten oder der selbsterklärten Gegner des Antisemitismus war nicht so gefestigt, daß sie nicht... ins Wanken gebracht werden konnte." Und da dies für Liberale wie für Sozialdemokraten galt, wurde dem Antisemitismus in Deutschland zu wenig Widerstand entgegengesetzt.

Die Ablehnung der ostjüdischen Einwanderer durch die deutsche Juden hatten eine ihrer Ursachen in der Betonung des Jüdischen in Sprache (Jiddisch), Kleidung und religiösen Riten. Sie fürchteten, auf ihrem Weg der Assimilation in die bürgerliche, deutsche Gesellschaft behindert zu werden. Die deutschen Juden hielten auf allgemeine Bildung, pflegten einen Lebensstandard, der dem deutschen Bürgertum entsprach und waren bemüht, sich in ihrem Alltag so zu bewegen, daß sie nicht als Juden auffielen. Aber gerade hier war der empfindlichste Punkt, der durch die ostjüdische Zuwanderung berührt wurde – Ostjuden fielen als Juden auf.

Die assimilierten Juden waren beunruhigt, ja, verstört über die jiddische Kultur, die mit einem Mal inmitten ihrer liberalen Zivilisation auftauchte. Für die Westjuden verkörperten die Ostjuden das, wovon man sich entfernen und woran man nicht mehr erinnert werden wollte. Das Ärgste war ihnen, daß sich die nichtjüdische Umwelt wieder an ihre jüdische "Vergangenheit", kurz, an ihr "Anderssein" erinnerte. Aber es war auch ein Klassenproblem: deutsch-jüdisches Bürgertum gegenüber einem ostjüdischen Proletariat, "Luftmenschen", die nach dem Zufall haschten und – allenfalls – kleinbürgerliche Handwerker und Händler. Aber man mußte etwas tun für die fremden Brüder, handelte es sich doch, wie Maurer formuliert, um "ungleiche Geschwister einer Familie".

Allgemein war das Verhalten der deutschen Juden gegenüber den Ostjuden sehr ambivalent: private Geringschätzung, aber öffentliche Verteidigung gegen antisemitische Angriffe und Unterstützung eines umfangreichen sozialen Hilfswerks. Maurer hat zweifellos recht, wenn sie das sozialpolitische Engagement der deutschen Juden heraushebt. "Sie mußten die Ostjuden verteidigen, weil sie erkannten, daß das negative Ostjudenstereotyp auch auf sie zurückprojiziert wurde."

Das Bild des Ostjuden in der antisemitischen Publizistik antizipiert, was Jahre später in Auschwitz grausige Realität wurde. In der völkischen Sprache wird die "Gefahr", die von den Ostjuden ausgeht, auf sinnliche Weise konkretisiert: (Ost-)Juden werden als Ungeziefer und Schmarotzer dargestellt, die es zu vernichten gelte, oder auch als Raubtiere, wie zum Beispiel im völkischen Hammer: "Ein grauenvoller Anblick, diese Raubtier-Gesichter: in ihnen ist keine Spur menschlicher Regungen; das Opfer erspähen, anschleichen, anspringen, abwürgen." Ausdrücke wie "Ostjudenplage" und "am Volksmark saugende ausländische Parasiten", "Krebsgeschwüre" und andere biologistische Formulierungen waren antisemitische Stereotypen, die auch im amtlichen Sprachgebrauch geläufig waren. Ungestraft konnte der Hammer 1922 kommentieren: "Es wird sich auch nicht vollständig verhindern lassen, daß dieses Gesindel eines Tages totgeschlagen wird, da die ‚Regierung’ für diese Fremdlinge gegen das Volk Partei nimmt." Und in den Deutschvölkischen Blättern wurde im selben Jahr die Frage gestellt, wann endlich der Tag komme, an dem die Juden "mit Peitschen aus Deutschland ausgetrieben werden"!

Die Geschichte der Ostjuden in Deutschland begann nicht 1918 und endete nicht 1933. Seit den 1880er Jahren war Deutschland ein natürlicher Anziehungspunkt für verfolgte Ostjuden, die sich immer dann auf Wanderschaft begaben, wenn politische, ökonomische oder soziale Krisen die Existenz in ihren Heimatländern gefährdeten. Trotz repressiver Ausländerpolitik, trotz ausgeprägtem Antisemitismus, gab es für die Ostjuden im Deutschland der Weimarer Republik eine Perspektive. Die völkische Prophezeiung aus dem Jahre 1922 wurde im Oktober 1938 Wirklichkeit, als Tausende Ostjuden aus Deutschland ausgetrieben wurden. Im Martyrium von Auschwitz wurden Ostjuden und Westjuden – ungleiche Kinder eines Vaters – auf grausige Weise vereint.