Viele deutsch-jüdische Soldaten kamen während des Ersten Weltkrieges erstmals mit Juden des Ostens in Berührung. Den weitgehend assimilierten deutschen Juden offenbarte diese Begegnung eine für sie unbekannte, urwüchsige jüdische Tradition und Kultur, wodurch ihr Selbstverständnis und ihr deutsch-jüdisches Elitebewußtsein erschüttert wurde. Von den deutschen Zionisten – auch wenn ihre Haltung nicht einheitlich war – wurden die Ostjuden zu einem "Gegenmythos" romantisch verklärt. Trade Maurer: "Der Ostjude wurde auch zum Maßstab ihrer Kritik am deutsch-jüdischen Leben, in die antibürgerliche Einstellung und Generationenkonflikte mit einflössen. "

Auf dem Höhepunkt der Zuwanderung 1925 zählte man in Deutschland 90 000 Ostjuden, was einem Anteil von etwa 15 Prozent der gesamtjüdischen Bevölkerung entsprach. Die meisten dieser osteuropäischen Juden ließen sich in den deutschen Großstädten nieder, wo sie, kulturell und gesellschaftlich abgesondert von der deutsch-jüdischen Öffentlichkeit, bestimmte Stadtteile bewohnten. Das Berliner "Scheunenviertel" hatte etwas von einem polnischen "Schtetl". Es besaß das Gepräge einer ostjüdischen Enklave im emanzipierten jüdischen Deutschland. Die Burgfriedenspolitik hatte nicht zum Abbau des antijüdischen Vorurteils geführt, sondern unter dem Eindruck eines allzu lange andauernden Krieges brach der Antisemitismus um so heftiger auf. Mit der "Judenzählung" 1916, der Sperrung der östlichen Grenzen zur Verhinderung einer ostjüdischen Zuwanderung, der Verweigerung der Einbürgerung, Internierung von Ostjuden in – schon 1920 so bezeichneten Konzentrationslagern wurden antisemitische Forderungen in staatliche Politik umgesetzt. Aber auch deutsche Glaubensbrüder traten den Ostjuden gegenüber wenig gastlich auf.

Seit der Novemberrevolution übte die öffentliche Meinung einen immer stärkeren politischen Druck auf die Regierung aus, die Ostjudeneinwanderung zu stoppen. Die rechtliche Stellung der Ostjuden war in den Anfangsjahren der Weimarer Republik zunehmend unsicherer geworden. Über ihnen schwebte ständig das Damoklesschwert der Ausweisung, wenn sie sich nach Meinung der jeweiligen Polizeibehörde "lästig" gemacht hatten oder einfach nur "unerwünscht" waren. Maurer stellt fest, daß polnische Juden proportional häufiger ausgewiesen wurden als polnische Christen.

Mit der Zunahme der ostjüdischen Einwanderung steigerte sich die Revolutionsfurcht der Behörden. Die revolutionären Aktivitäten einiger Prominenter jüdischen Ursprungs – vor allem innerhalb des Spartakusbundes – wie beispielsweise Rosa Luxemburg, Leo Jogiches, Paul Levi, August Thalheimer oder wie in der Münchner Räterepublik – Kurt Eisner, Erich Mühsam, Eugen Levine, Ernst Toller – bildeten nur eine Komponente des antisemitischen Gesamtbildes.

Die deutsch-jüdische Orthodoxie versprach sich von den Ostjuden, die meist aus einem streng frommen Milieu kamen, Impuls und Verstärkung von Jüdischkeit. Doch viele von ihnen brachen mit dem Grenzübertritt auch mit ihren religiösen Traditionen. Dennoch wurden die Ostjuden zu einem zu beachtenden Faktor im jüdischen Leben Deutschlands. Ihre Anwesenheit führte zu einer Polarisierung der deutsch-jüdischen Gegensätze. Die innerjüdischen Auseinandersetzungen, in die wegen des öffentlich-rechtlichen Charakters der Gemeinden auch die Staatsbehörden einbezogen waren, trugen Züge eines Machtkampfes, in welchem es nicht an Intrigen, unnötigen Schärfen und überspitzten Ideologien mangelte. Ostjuden in Deutschland waren zugleich "Beter und Rebellen": Sie waren ebenso kommunistisch, sozialistisch, anarchistisch oder syndikalistisch wie konservativ, religiös, orthodox, chassidisch oder atheistisch, zionistisch oder assimilatorisch.

Für die Zionisten waren die Ostjuden bei der "Eroberung der jüdischen Gemeinden" bevorzugte Koalitionspartner. Diese politische Allianz wurde vom liberalen Judentum stark bekämpft. Das zugleich prononciert Jüdische, das die Ostjuden weitgehend als Lebensart vertraten, suchten die Liberalen aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Die Zionisten traten für die Gleichstellung der Ostjuden, die in vielen deutschen Gemeinden in ihren Rechten eingeschränkt waren, ein. Ihr Engagement hatte aber auch ideologische Gründe, die ostjüdischen Einwanderer für den Zionismus, für die nationale Auffassung des Judentums in Deutschland zu gewinnen.

Einflußreiche Vertreter der deutschen Öffentlichkeit bis hin zu den Sozialdemokraten hatten bereits während des Ersten Weltkrieges ihre Stimmen gegen die ostjüdische Zuwanderung erhoben, so daß die preußische Regierung schließlich im April 1918 die lange geforderte Grenzsperre verfügte. Die politischen Verhältnisse in Russisch-Polen, die Auswirkungen der bolschewistischen Revolution, blutige Pogrome sowie militärische Rekrutierungen lösten Anfang 1919 eine neue ostjüdische Zuwanderung aus. Mit ihrer maßlosen Überschätzung dieser Zuwanderung und der damit verbundenen Gefahr für Deutschland übernahm die Neue Zeit gängige antisemitische Klischees. Insgesamt dreimal äußerte sich dieses SPD-Parteiorgan ausführlich zur "Einwanderung der Ostjuden". Bemerkenswert ist vor allem ein Artikel aus dem Jahre 1921, geschrieben von dem sozialdemokratischen preußischen Landtagsabgeordneten Theodor Müller, der ganze Passagen seines Artikels aus einer Broschüre des Alldeutschen Georg Fritz aus dem Jahre 1915 – ohne jeden Hinweis darauf – übernommen hatte und damit antisemitische Stereotypen. Da kein distanzierter Kommentar nachgereicht wurde, kann davon ausgegangen werden, meint Maurer, daß die Redaktion nichts gegen die antijüdischen Ausführungen einzuwenden hatte und kommt zu dem Schluß: "Doch auch in der neueren Forschung wurde dieser Artikel nicht als sozialistische Kopie eines alldeutschen Pamphlets erkannt und seine Bedeutung vollkommen unterschätzt."