Dennoch bleibt grundsätzlich festzuhalten, daß die damalige politische Linke – Kommunisten und Sozialdemokraten – als einzige politische Partei Ostjuden verteidigten. Das galt sowohl für die Publizistik als auch für ihr Eintreten in den deutschen Parlamenten, auch wenn einzelne Parteigenossen eine ablehnende Haltung gegenüber Ostjuden einnahmen. Gegen das antisemitische Gift waren selbst organisierte und klassenbewußte Arbeiter nicht immun. Der KPD ging es dabei nicht um die Verteidigung der Juden als religiöse oder nationale Minderheit, sondern um die ideologische, klassenkämpferische Komponente – schließlich wurden Ostjuden als Sozialisten und Kommunisten beschimpft.

Aus einer vergleichenden Zeitschriftenanalyse ergibt sich für Maurer eine xenophobe Grundeinstellung mit einem nach Völker und Rassen abgestuften weit verbreiteten Rassismus, der gegenüber Ostjuden umfassender und krasser als gegenüber anderen Gruppen war. Für die Antisemiten standen alle Juden noch unter den am meisten Verachteten. Gegenüber den fremd wirkenden Ostjuden fielen die Bedenken, die viele Deutsche gegen die antisemitische Propaganda hatten – sofern deutsche Juden betroffen waren – fort. Die eigentliche Bedeutung der Ostjudeneinwanderung für die Ausbreitung des Antisemitismus bringt Maurer auf die schlüssige Formel: "Die Haltung der Nicht-Antisemiten oder der selbsterklärten Gegner des Antisemitismus war nicht so gefestigt, daß sie nicht... ins Wanken gebracht werden konnte." Und da dies für Liberale wie für Sozialdemokraten galt, wurde dem Antisemitismus in Deutschland zu wenig Widerstand entgegengesetzt.

Die Ablehnung der ostjüdischen Einwanderer durch die deutsche Juden hatten eine ihrer Ursachen in der Betonung des Jüdischen in Sprache (Jiddisch), Kleidung und religiösen Riten. Sie fürchteten, auf ihrem Weg der Assimilation in die bürgerliche, deutsche Gesellschaft behindert zu werden. Die deutschen Juden hielten auf allgemeine Bildung, pflegten einen Lebensstandard, der dem deutschen Bürgertum entsprach und waren bemüht, sich in ihrem Alltag so zu bewegen, daß sie nicht als Juden auffielen. Aber gerade hier war der empfindlichste Punkt, der durch die ostjüdische Zuwanderung berührt wurde – Ostjuden fielen als Juden auf.

Die assimilierten Juden waren beunruhigt, ja, verstört über die jiddische Kultur, die mit einem Mal inmitten ihrer liberalen Zivilisation auftauchte. Für die Westjuden verkörperten die Ostjuden das, wovon man sich entfernen und woran man nicht mehr erinnert werden wollte. Das Ärgste war ihnen, daß sich die nichtjüdische Umwelt wieder an ihre jüdische "Vergangenheit", kurz, an ihr "Anderssein" erinnerte. Aber es war auch ein Klassenproblem: deutsch-jüdisches Bürgertum gegenüber einem ostjüdischen Proletariat, "Luftmenschen", die nach dem Zufall haschten und – allenfalls – kleinbürgerliche Handwerker und Händler. Aber man mußte etwas tun für die fremden Brüder, handelte es sich doch, wie Maurer formuliert, um "ungleiche Geschwister einer Familie".

Allgemein war das Verhalten der deutschen Juden gegenüber den Ostjuden sehr ambivalent: private Geringschätzung, aber öffentliche Verteidigung gegen antisemitische Angriffe und Unterstützung eines umfangreichen sozialen Hilfswerks. Maurer hat zweifellos recht, wenn sie das sozialpolitische Engagement der deutschen Juden heraushebt. "Sie mußten die Ostjuden verteidigen, weil sie erkannten, daß das negative Ostjudenstereotyp auch auf sie zurückprojiziert wurde."

Das Bild des Ostjuden in der antisemitischen Publizistik antizipiert, was Jahre später in Auschwitz grausige Realität wurde. In der völkischen Sprache wird die "Gefahr", die von den Ostjuden ausgeht, auf sinnliche Weise konkretisiert: (Ost-)Juden werden als Ungeziefer und Schmarotzer dargestellt, die es zu vernichten gelte, oder auch als Raubtiere, wie zum Beispiel im völkischen Hammer: "Ein grauenvoller Anblick, diese Raubtier-Gesichter: in ihnen ist keine Spur menschlicher Regungen; das Opfer erspähen, anschleichen, anspringen, abwürgen." Ausdrücke wie "Ostjudenplage" und "am Volksmark saugende ausländische Parasiten", "Krebsgeschwüre" und andere biologistische Formulierungen waren antisemitische Stereotypen, die auch im amtlichen Sprachgebrauch geläufig waren. Ungestraft konnte der Hammer 1922 kommentieren: "Es wird sich auch nicht vollständig verhindern lassen, daß dieses Gesindel eines Tages totgeschlagen wird, da die ‚Regierung’ für diese Fremdlinge gegen das Volk Partei nimmt." Und in den Deutschvölkischen Blättern wurde im selben Jahr die Frage gestellt, wann endlich der Tag komme, an dem die Juden "mit Peitschen aus Deutschland ausgetrieben werden"!

Die Geschichte der Ostjuden in Deutschland begann nicht 1918 und endete nicht 1933. Seit den 1880er Jahren war Deutschland ein natürlicher Anziehungspunkt für verfolgte Ostjuden, die sich immer dann auf Wanderschaft begaben, wenn politische, ökonomische oder soziale Krisen die Existenz in ihren Heimatländern gefährdeten. Trotz repressiver Ausländerpolitik, trotz ausgeprägtem Antisemitismus, gab es für die Ostjuden im Deutschland der Weimarer Republik eine Perspektive. Die völkische Prophezeiung aus dem Jahre 1922 wurde im Oktober 1938 Wirklichkeit, als Tausende Ostjuden aus Deutschland ausgetrieben wurden. Im Martyrium von Auschwitz wurden Ostjuden und Westjuden – ungleiche Kinder eines Vaters – auf grausige Weise vereint.