Von Martin Walker

Die britische Premierministerin Margaret Thatcher lief wie ein Schlachtschiff in Moskau ein. Lange vor ihrer Ankunft hatte sie bereits erste Breitseiten gegen die Kremlmauern abgefeuert. Sie wolle sich, so erklärte sie dem Parteitag der Konservativen in Torquay, bei ihren Gesprächen mit Gorbatschow auf die Menschenrechtsfragen konzentrieren. Die Vorschläge Gorbatschows über die Beseitigung der Mittelstreckenraketen seien ja schön und gut, aber doch so lange unrealistisch, wie er nicht bereit sei, das Ungleichgewicht bei den Kurzstreckenraketen und den konventionellen Truppen in Europa ebenfalls abzubauen.

Schon am ersten Tag ihres Besuches richtete sich Margaret Thatchers Sperrfeuer auf ein neues Ziel: die mangelnde Religionsfreiheit in der Sowjetunion. Die britische Regierungschefin besuchte die Klosterfestung in Sagorsk. Aber sie wußte offenbar nicht, daß gerade hier die uralte Verknüpfung zwischen Kirche und Staat in Rußland am stärksten verkörpert ist: Sagorsk ist das Symbol des russischen Nationalismus, seit hier im Jahre 1608 eine polnische Armee, die bereits den Kreml erobert hatte, erfolgreich zurückgeschlagen wurde. Mit dem Anzünden einer Kerze mochte Margaret Thatcher es der konservativen Presse zu Hause recht machen, aber sie zeigte zugleich auch, wie wenig sie von diesem Land in Wahrheit verstand.

Bei der Rückkehr nach Moskau dann machte die Premierministerin mit ihrem Troß aus Kameraleuten und Journalisten Rast in dem Vorort Krylatskoje und bot den sowjetischen Gastgebern ein warnendes Beispiel dafür, wozu die freie Presse des Westens fähig ist. Das KGB, das Ordnung schätzt und gewohnt ist, daß man seinen Anweisungen folgt, versuchte vergeblich, sich zwischen Margaret Thatcher und die Medienmassen zu schieben. Aber die Photographen fegten durch die KGB-Absperrung und stießen russische Frauen und Kinder in den Schlamm, nur um ihre Bilder zu ergattern.

Margaret Thatcher sah dem Treiben mit mildem Lächeln zu – ein Flaggschiff, das sich im Schutze seiner Begleitfahrzeuge weiß. Die Russen erinnerten sich daran, daß Margaret Thatcher ihren letzten Wahlsieg der Flotte zu verdanken hatte, die die Falkland-Inseln zurückeroberte. Die kommende Wahl in Großbritannien, so schien es, sollte nun mit dem Slogan "Maggie bleibt in Moskau hart" gewonnen werden.

Schon am Sonnabend, kurz nach dem Eintreffen der Premierministerin in Moskau, hatte der Kreml ein Voraus-Exemplar der Rede bekommen, die sie auf dem offiziellen Bankett am Montag hielt. Die sowjetischen Befürchtungen wurden darin voll bestätigt. Margaret Thatcher bestand darauf, der Westen werde Gorbatschows Reden von Reform und Abrüstung nur dann Glauben schenken, wenn er auch die Moskauer Menschenrechtspolitik reformiere: Der Kreml müsse auch sein altes Ziel vom "totalen Sieg des Sozialismus in der ganzen Welt" zu den Akten legen. "Die Einhaltungen der Verpflichtungen, die Sie, die sowjetische Regierung, freiwillig in der Schlußakte von Helsinki übernommen haben, wird darüber entscheiden, wieweit andere Länder Ihren Abrüstungsversprechungen trauen."

Aber Moskau war nicht unvorbereitet. Schon in der Woche zuvor erschienen in der sowjetischen Presse Berichte, die die wachsende Verärgerung über Margaret Thatcher widerspiegelten und ihren Belehrungen über die Menschenrechte zuvorkommen sollten. Da wurde Londons Rolle in Nordirland gebrandmarkt, Massenarbeitslosigkeit, Rassismus und die fragwürdigen Praktiken der Londoner Finanzwelt an den Pranger gestellt, und schließlich darauf hingewiesen, daß die Gefängnisse Großbritanniens mehr Häftlinge beherbergen als die jedes anderen westeuropäischen Landes.