Warum denkt jeder gern an Hermann Höcherl? In dieser Woche ist er 75 Jahre alt geworden. Schon vor zehn Jahren hat er dem Bundestag den Rücken gekehrt, aber sein Abschied wird immer noch bedauert.

Mehrmals hat er seinen endgültigen Rückzug aus dem öffentlichen Leben angekündigt, doch seine Freunde waren jedesmal wieder dankbar, wenn er sich verlocken ließ, sein "Tusculum" im Dörfchen Brennberg in der Oberpfalz zu verlassen und sich in den Zug nach Bonn zu setzen – weil er schlecht "nein" sagen kann, weil die Neugier nicht aufhört, ihn zu plagen und weil er einen unauffälligen Sinn für Ämter hat, in denen er zum Wohle des Gemeinwesens nützlich sein kann.

Ähnlich wie der Name des Sozialdemokraten Georg Leber fällt derjenige des CSU-Politikers Höchen immer dann, wenn in heiklen, verfahrenen Situationen zu vermitteln und zu schlichten ist. Aus einer "tiefen Sehnsucht, sich zu vertragen" (Friedrich Karl Fromme) hat der Bayer die Fähigkeit zum Ausgleich der Interessen im Laufe eines langen politischen Lebens bis zur Meisterschaft entwickelt. Seine Sache war nie der große öffentliche Auftritt, sondern die "Politik auf dem Sofa".

Doch auch wenn er es gern gemütlich hat, so neigt er doch weder zum Verkleistern noch zum Verharmlosen. In der tiefen Überzeugung, daß Klarheit im Leben nicht zu erwarten ist, ist er immer darauf erpicht, in unübersichtlichen Lagen wenigstens Durchblick zu gewinnen – mit Verschmitztheit und wenn nötig auch mit List und Schlauheit.

1976 verließ er Bonn freiwillig, weil ihm das parlamentarische Leben keinen Spaß mehr machte. Die Arbeit, fand er damals melancholisch, bestehe "zu 90 Prozent aus Schablone und Routine in sehr umständlicher Form". Von seinen Freunden in der CSU wurde er nicht zurückgehalten. Seine überparteiliche, anwaltliche Ader hatte ihn nie zu einem Freund von Franz Josef Strauß werden lassen. In der bayerischen Landesgruppe machte ihn das zum Außenseiter.

Der erste, der den Ruheständler für die Politik reaktivierte, war ein Sozialdemokrat, Helmut Schmidt. 1978 ließ er sich von Höcherl als "unabhängiger Persönlichkeit" über die Fahndungspannen im Entführungsfall Schleyer aufklären. Höcherls Untersuchungsbericht führte zum Rücktritt des Innenministers Werner Maihofer. Nach der Kiesling-Affäre 1984 wurde er von Verteidigungsminister Manfred Wörner gebeten, den Vorsitz in einer Kommission zu übernehmen, die den Militärischen Abschirmdienst (MAD) unter die Lupe nahm. Zweimal half er auch mit, Tarifstreitigkeiten im öffentlichen Dienst zu schlichten.

Ins Rampenlicht tritt Höcherl ab und zu auch noch als Strafverteidiger. Das mache ihm, sagte er einmal, den meisten Spaß, "dafür zu sorgen, daß die Richter die Prozeßregeln wieder einhalten, die sie sich zurechtgebogen haben". Zuletzt verteidigte er den wegen Untreue angeklagten Egon Franke. Der ehemalige SPD-Minister wurde freigesprochen.