Sein schickender, aufgeregter Schrei hat ihm den Ruf verschafft, der Polizist des Waldes zu sein. Den Jägern ist er lästig, denn sein Lärmen hat sie bei Bock- und Schwarzwild um so manchen „Blattschuß“ gebracht. Naumann hält ihn für einen der schönsten Vögel in unseren Breiten. Das ist er auch, unbestritten. Seine bunten Federn stecken sich die Jäger an ihre Hüte.

Der Eichelhäher, gut dreißig Zentimeter lang und mit einer Flügelspanne von einem halben Meter, ist in Abweichungen überall in Asien und Europa anzutreffen, Steppen und Wüsten ausgenommen. Vermutlich hat er, als es in Europa noch große Eichenwälder gab, vor allem dort sein Quartier genommen; heute bevorzugt er Mischwälder, Waldränder, nistet auch in Parklandschaften und selbst in Gärten mit alten Bäumen. Er ist auch ein stadtnaher Vogel geworden. Das wenig kunstvolle, obwohl gut ausgepolsterte Nest baut er sowohl in Laubbäumen als auch in Nadelhölzern, meist nahe am Stamm und in der Regel drei bis fünf Meter über dem Boden. Schon Anfang April sind fünf bis sieben Eier im Nest.

Mein erster Eichelhäher war ein toter Eichelhäher. Einer meiner Onkel, ein Jäger, hatte ihn geschossen, präparieren lassen und mir zu meinem zwölften Geburtstag geschenkt. Fortan blickte der Vogel, auf einer Konsole hockend, mir mit seinen bernsteingelben Augen über die Schulter, wenn ich mich mit den Schularbeiten abmühte. Damals wußte ich nicht, daß der Eichelhäher auch Nußbeißer, Baumkatzel oder Holzschreier genannt wird; Baumkatzel wohl deshalb, weil er auch die Laute anderer Tiere nachahmen kann.

Der bunte Eichelhäher ist ein Jahreszeitenvogel. Im Frühjahr, wenn er brütet und die Jungen großzieht, ist er ein „Heimlichtuer“, man sieht ihn selten. Am lautesten ist er im Herbst, wenn er, auch die Nähe der Menschen nicht scheuend, doch immer vorsichtig und auf Abstand bedacht, in die Gärten kommt; wenn er Eicheln zusammenträgt und Haselnußbüsche plündert. Eicheln verschluckt er und weicht die Schale in seinem Kropf auf, dann würgt er sie wieder heraus und frißt den Kern. Viele Eicheln, Bucheckern und Nüsse versteckt er allerdings im Laub und in Moospolstern oder gräbt sie regelrecht ein, um sich so Vorratskammern anzulegen. Doch die meisten dieser Vorräte findet er nicht wieder – und so ist am Rande meines Gartens dichtes Unterholz entstanden: Eichen, Buchen, Haselsträucher.

Im Frühjahr und im Sommer ernährt er sich von Insekten, Käfern, Larven, Fröschen und Mäusen. Die schädliche Ringelraupe, die alle anderen Vögel verschmähen, ist seine Lieblingsspeise. Also ein nützlicher Vogel? Leider nicht nur. Der Eichelhäher ist neben der Elster ein großer Räuber, er plündert Nester der Singvögel, frißt Eier und die noch nicht flugfähige Brut. Legende allerdings ist, wie es schon den Kohlmeisen nachgesagt wird, daß er aus reiner Mordlust die Hirnschale der Kleinvögel zertrümmert und nur das Hirn frißt. Auf ebensolche Weise soll er, als es sie noch gab, mit Kreuzottern und anderen Schlangen verfahren sein. So ist es bei Naumann zu lesen, und Brehm hat es übernommen.

Der Eichelhäher ist ein Strichvogel. Im Herbst und Winter, manchmal schon im Spätsommer, rotten sich Gruppen zusammen, das können hundert Vögel und mehr sein, die lärmend auf sich aufmerksam machen. Vor einigen Jahren ist eine solche Eichelhäher-Invasion in den städtischen Anlagen von Frankfurt beobachtet worden, was für die Lokalpresse Anlaß war zu befürchten, daß nur für Meisen und Rotkehlchen, Kleiber und Amseln kein Futter mehr übrig bliebe. Eine grundlose Sorge. Vor 130 Jahren, im Oktober 1856, hat ein Ornithologe in der Nähe Frankfurts innerhalb einer Stunde mehr als tausend Häher gezählt, die auf dem Zuge waren. Zu solch großen Gruppen schließen sich, wie Beobachtungen ergaben, eher die in Osteuropa und in Skandinavien beheimateten Vögel zusammen als ihre westeuropäischen Artgenossen.

Der Eichelhäher gehört nicht zu den Vögeln, die in ihrem Bestand bedroht sind. Er ist robust und ein Allesfresser. Seine Feinde sind der Habicht, der Uhu und der Baummarder. Uhus in Deutschland sind fast an den Fingern einer Hand aufzuzählen. Und wo gibt es den Marder noch? Der Habicht wiederum ist, weil er ja auch Hasen schlägt, Junghasen vor allem, für viele Jäger noch immer „Raubzeug“. Gäbe es aber mehr Habichte, vergrößerte sich die „Blattschußchance für den Jäger“, denn dann wären im Wald weniger lärmende Eichelhäher, die das Wild vergrämen.