Ohne sie ist heute vieles farblos

Von Joachim H. Knoll

Man mochte für einige Zeit glauben, daß nach der menschenverachtenden Ungeheuerlichkeit des „Holocaust“ Antisemitismus in der Bundesrepublik nicht mehr vorstellbar sei und daß durch geschichtliche Betroffenheit und das Bewußtsein, sich aus geschichtlicher Kontinuität nicht entbinden zu können, auch den „Nachgeborenen“ nicht einfach die Gnade der späten Geburt zufallen könne. Doch weit gefehlt.

Bereits in den endenden fünfziger Jahren meldeten sich erste Anzeichen eines verwirrten Nationalismus, auf die in unseren Gymnasien mit der Einführung des Unterrichtsfaches „Gemeinschaftskunde“ reagiert wurde, mit dem man meinte, dem Ausland die Demokratiefestigkeit der Deutschen vorstellen zu können und die ersten Synagogenschmierereien vergessen zu machen. Diese administrativ-pädagogischen Beschwichtigungsaktionen scheinen kaum etwas bewirkt zu haben, blickt man auf die letzten Jahre, in denen wiederholt über antisemitische Ausfälle berichtet werden mußte.

Andererseits kann wohl auch dem Antisemitismus nicht mit einem Philosemitismus begegnet werden, der einseitiges Wohlverhalten propagiert und an die Stelle der intellektuellen Auseinandersetzung die christlich wohlmeinende, verbrüdernde Beschwichtigung setzt. Mißverständnisse und Verständigungsschwierigkeiten erwachsen nicht zuletzt aus Unkenntnis. Freilich können nicht alle unerledigten geschichtlichen Versäumnisse als Aufträge an die Schule delegiert werden.

Diese Aktualität muß vorangestellt werden, bevor man auf die Gebrochenheit jüdischer Existenz in der Bundesrepublik und bereits auch in der Weimarer Republik eingeht und die Frage untersucht, ob es denn überhaupt eine relativ homogene jüdische Identität gibt und gegeben hat. Die dem liberal-säkularen Judentum zuzurechnenden Herausgeber des Sammelbandes „Juden in der Weimarer Republik“ haben bereits in einem früheren Band dieser Schriftenreihe „Juden im Vormärz und in der Revolution von 1848“ vorgestellt und dabei ebenfalls das Thema der Identität im Blick gehabt. Hier nun wird die Darstellung brisant, da sich Assimilation oder Distanz nicht mehr nur als Gesellungsprinzipien darstellen, sondern auch gleichzeitig ein Programm beinhalten, das der politische Pogrom einfach hinweggewischt hat.

Was meint Jude-sein?