ARD, 2. 4., 20.15 Uhr: ‚Bombenstimmung“, Film von Volker Kühn

Was für eine Zeit das für den deutschen Dichter war, dessen Bücher Unter den Linden gebrannt hatten, was für eine Zeit für den deutschen Juden, der mit Glück in letzter Minute eine Schiffs passage nach Amerika bekommen hatte, was diese Zeit des Dritten Reiches für seine Opfer bedeutete, davon wissen wir einiges. Die Opfer sind und bleiben wohl die wichtigsten Zeugen, und sie lassen die übrigen Zeitgenossen in blassem Licht erscheinen; um so mehr für uns, die wir ihre Nachfahren sind und uns ihrer schämen. Interessant wäre das aber schon: der Alltag einer deutschen Kleinstadt im Jahre ’38, das Nichtspektakuläre, das Harmlose, das Vergleichbare deutscher Normalität. Hier müßte es lohnen, der gräßlichen Zeit auf die Spur zu kommen, denn hier muß sie der unseren ähnlich sein und könnte sich uns nicht hinter schauerlichen Kriegsbildern und Hitlerreden verstellen als abgebrochene Unzeit.

Neugier auf diese gern verschwiegene oder zu Recht vor den Verbrechen des Nazi-Regimes in den Hintergrund tretende deutsche Alltäglichkeit, das Lebensgefühl derer, die zwischen 1933 und 1945 weder emigriert noch verfolgt waren, zeigt sich in einer sowohl oberflächlichen wie verschämten Weise heute in der koketten Nostalgie am Lebensgefühl der dreißiger Jahre. Eine öffentliche Erörterung des Alltags im nationalsozialistischen Deutschland scheint geboten; Volker Kühns Film zur „Unterhaltung unterm Hakenkreuz“ leistet dazu einen Beitrag.

Als Zeitzeuge berichtet Helmut Zacharias davon, wie die Noten des verbotenen Swing mit deutschen Titeln überklebt wurden, wie man rasch die „Tonart“ wechselte, sobald die Kontrolleure der Reimuka (Reichsmusikkammer) im Anmarsch waren. Der Komponist Norbert Schultze („Bomben auf Engelland“, „Führer befiehl, wir folgen dir“, „Lili Marleen“) erzählt, wie Goebbels am Klavier einen Schlagerschluß zum besseren wendete. Der damalige Reichsfilmintendant Fritz Hippler schildert, wie er im November 1942 von Goebbels beauftragt wurde, für einen optimistischen Ton in der Schlager-Branche zu sorgen.

„Die gute Laune ist ein Kriegsartikel“, sagte Josef Goebbels damals; wie das funktionierte, zeigen Aufnahmen von einer Galavorstellung im „Schlamm-Kapitol“ an der Ostfront. „Keine Angst, Rosmarie!“ und Granateinschläge im Schützengraben; „davon geht die Welt nicht unter“ und eine Kamerafahrt über zerbombte Städte; „kauf dir einen bunten Luftballon“ und Menschen, die mit erhobenen Händen aus einem Bunker kriechen. Die Aussage des Films, seine „Enthüllungen“ sind ebenso evident, wie sie mittlerweile an Originalität verloren haben: Die U-Musik des Dritten Reiches wurde zunächst zur Umorientierung auf die nazistischen Vorstellungen von „Glaube und Schönheit“ benutzt (Gleichschritt und Seitenrichtung zogen in den Musikfilm ein), später dann zur Ablenkung vom bitteren Ende des Krieges.

Wohl in den dokumentierten Bildern, kaum aber in Kommentar und Dramaturgie des Films ist hingegen die Faszination spürbar, die dieses unverantwortliche Leben zwischen realer Angst und zuckersüßen Träumen auf junge Menschen ausüben mag, denen heute ein Übermaß an Verantwortlichkeit abverlangt wird, demokratischer Wachsamkeit, die es ihnen nicht gestattet, sich den großen Zauberern und Dompteuren anheimzugeben. Manches wissen wir von totalitärem Schrecken. Was wissen wir von totalitärer Verführung? Martin Ahrends