Von Winfried Schink

Naturfreunde sprechen von einem erfreulichen Anblick. Das Sylt der DDR, die Ostseeinsel Hiddensee, ist autofrei und bis heute von Betonburgen verschont geblieben. Ihrem sechsmal größeren westdeutschen Vorbild hält sie äußerlich nicht stand, sie will es wohl auch nicht. Statt Ladenpassagen oder Discos bietet Hiddensee dem Besucher sandige Alleen und unberührte Natur. Wer sich nach dreistündiger Überfahrt vom Stralsunder Hafenkai aus dem Örtchen Kloster mit seinen 300 Einwohnern nähert, entdeckt zur Begrüßung auf den Dünen grasende Schafbrigaden und gleich nebenan das einzige zugelassene Transportgefährt, eine Pferdekutsche. Anders etwa als Tagestouristen auf Helgoland sucht der für ganze fünf Stunden nach Hiddensee Reisende neben einem beschaulichen Souvenirshop in Kloster vergeblich nach Anreizen, seine blanke (Ost)-Mark umzusetzen. Der Weg führt zunächst zum nördlich gelegenen Dornbusch. Hier erhebt sich Hiddensee dank einer Eiszeitaufschüttung auf eine Höhe von 72 Metern. Auf der Spitze, gleich neben dem Leuchtturm, fällt der Blick über Laubwald und Weideflächen bis hin zum benachbarten Rügen, mit dem Hiddensee noch vor 650 Jahren durch eine Landzunge verbunden war.

„Capri des Nordens“ nannte, in den goldenen Zwanzigern eine Schickeria von Malern, Schauspielern und Schriftstellern die Insel, wo man sich den Sommer über traf und sich nach etlichen Schnupperurlauben auch einkaufte. Das Filmidol Asta Nielsen rühmte ihre Hiddenseer Urlaubstage als Märchen, und selbst der gestandene Schlesier Gerhart Hauptmann konnte sich seit seinem Kurzausflug von Rügen im Sommer 1885 von jenem erholsamen Natureiland nicht mehr lösen, bis er schließlich 1930 mit dem Kauf und dem Ausbau des Hauses „Seedorn“ in Kloster Hiddensee lebenslang zum Zweitwohnsitz bestimmte. Wohl nur wenige ahnen, wie sehr er die Insel literarisch verinnerlichte. Seine Vagabunden „Schluck und Jau“ haben auf Hiddensee viele Namensvettern, und „Gabriel Schillings Flucht“ spielt gleichfalls auf der Insel. Zu den Weinabenden im „Seedorn“ kamen Thomas Mann und Albert Einstein. Die Efeuranken im Garten wachsen aus einem Ableger aus George Washingtons Sommersitz im amerikanischen Mount Vernon. Frau Hauptmann brachte ihn von einer USA-Tour mit.

Hauptmanns früher Ausspruch: „Wenn ich nicht fürchten müßte, meine guten Schlesier zu kränken, so möchte ich am liebsten auf dem schlichten Friedhof von Hiddensee meinen ewigen Schlaf finden“, ging im Juli 1946 in Erfüllung. Er starb, von der Vertreibung bedroht, im schlesischen Agnetendorf und wurde später auf dem Dorffriedhof von Kloster begraben. Nur wenige Meter von seiner Ruhestätte entdeckt der Besucher heute das Grab des 1975 verstorbenen Chefs der Komischen Oper Berlin, Walter Felsenstein. Daneben das Friedhofskirchlein. Sein Inneres, mit einem Taufengel als einzigem Schmuckwerk, entspricht der Schlichtheit der Hiddenseer Fischerleute.

Jährlich 30 000 Sonnenhungrige und wohl 200 000 Tagesgäste erholen sich an den Sandstränden von Vitte oder von Kloster und rücken nahe an die nicht zugänglichen Naturschutzgebiete am südlichen Gellen oder an die Hiddensee vorgelagerte kleine Insel heran. Noch um 1900 vermeldeten die Urlaubsregister nur wenige Ausflügler. Wie man allerdings heute an ein 14tägiges Ferienticket kommt, bleibt vielen ein Geheimnis. Seit man die einheimischen Pensionsplätze überwiegend dem FDGB-Feriendienst zuteilte und das verbleibende Kontingent den volkseigenen Betrieben zuschlug, haben westliche Abenteurer für mehrtägige Hiddensee-Besuche nur geringe Chancen. Inwieweit die örtliche Kirchengemeinde behilflich sein kann, ist schwer zu ergründen. Das Tor für die Bundesbürger und für die West-Berliner bilden Tagesfahrten von Stralsund oder von dem nur einen Steinwurf entfernten Örtchen Schaprode auf Rügen aus.

Da die Leinen im Stralsunder Hafen zum Ausflug nach Hiddensee schon morgens um sieben Uhr losgemacht werden, ist für anreisende Westler die Übernachtung im Interhotel „Baltic“ am Bahnhof Rügendamm von Stralsund zum Preis von 60 Mark unumgänglich. Bei der Buchung empfiehlt es sich, das Interhotel schriftlich um eine Reservierung für eine Hiddensee-Tour zu bitten. Denn in den Ferienmonaten sind die Schiffsplätze bereits lange im voraus ausgebucht. Von Schaprode aus nimmt das tägliche Postschiff nur etwa 20 Urlauber mit, auch wenn die Warteschlange zuweilen 100 und mehr Interessenten mißt. Lange ist es her, daß es eine Flugverbindung nach Kloster gab. Die Rollbahn bleibt seit 1935 ungenutzt und ist kaum noch zu sehen.

Mit lukullischen Kostbarkeiten kann Hiddensee nicht aufwarten. Der bislang einzige gastronomische Führer durch die DDR aus dem Jahr 1984 läßt die Ostseeinsel unerwähnt. In den wenigen Gastwirtschaften wird der Gast „plaziert“ – und das kann einige Zeit dauern. Das einzige „arbeitende“ Café von Kloster öffnet gegen 14.30 Uhr, genau dreißig Minuten, bevor die Schiffssirenen, zur Rückfahrt nach Stralsund mahnen. Immerhin stillt ein rustikales Freiluftlokal gleich neben dem Leuchtturm den Abenteuerhunger. Der Grund für das bescheidene Angebot: Die FDGB- oder Betriebsurlauber werden rund um die Uhr in ihren Ferienheimen verköstigt. Und Individualgäste stehen im Plan nicht vornan.