Haindling: „Höhlenmalerei“.

Nach seinen Tourneen, die allesamt ein wenig grob ausgefallen waren und nur viel plakativer und lauter wiederholt haben, was man viel besser auf seinen Schallplatten hören konnte, war man skeptisch geworden: Was nun? Gibt es eine – nicht verquälte – Fortsetzung? Hans-Jürgen Buchner, der ein prämiierter Töpfer in dem kleinen bayerischen Dorf Haindling war und ein phantasievoller Musiker sowie ein origineller Instrumentator und ein Poet mit verschlagenem Humor geworden ist, besann sich aller seiner Talente, zog sich in seine Musikbasteistube zurück und brachte nun eine neue Schallplatte heraus. Er hat sich Zeit gelassen, man merkt es. Er läßt den altbekannten surrealen Witz erkennen, die alte makabre und die lachhafte Ironie, auch viel hintersinnigen Unsinn – und hat das alles in seine bayerische Musik geschlagen: Man hört es auf Anhieb, und man hört sogleich, daß sie ein wenig anders und neu ist. Diese Schallplatte ist ein wunderbarer Spaß, der einen freilich auch immer wieder mit verstecktem Ernst entläßt – ob im Menschheitsgleichnis der „Höhlenmalerei“, im „Roten Fluß“, der aussieht wie Menschenblut („und die ganzen Fische tot“), ob mit Allerweltsweisheiten („auf dera Wölt is absolut das oanzige, was wirklich zählt, a Haufa Göld“) oder einer Clownsweisheit („Es geht runter, und es geht wieder rauf“). Man hört von einem Drama zwischen Berg und Disco, einem vertraulichen Brief und von Stoßseufzern. Das kunstvollste Stück ist eine kontrapunktische Gesprächskomposition mit Musik sowie ein Walzer in der typischen Haindling-Besetzung Tuba, Tenorhorn und Klavier, für den drei Töne abwärts völlig genügen. Ob es gut tut oder nicht: die Gruppe ist wieder auf Tournee. (Polydor 831 669-1)

Manfred Sack

Wolfgang Amadeus Mozart: „Die Entführung aus (dem Serail“.

Die Neuproduktion des „deutschen Singspiels“ schlechthin, die soeben Georg Solti mit einem veritablen Starensemble kompetenter Mozartexegeten vorlegte, verkehrt das Gewicht der Leitfigur der Reformrichtung und belastet zugleich die hauseigene Konkurrenz. Nicht der vor zwei Jahren bei der deutschen Decca-Tochter Teldec herausgebrachten „Entführung“ unter Nikolaus Harnoncourt ist der Vorzug zu geben, vielmehr Georg Soltis neuer Einspielung, die sich in die Serie der Standardaufnahmen von Ferenc Fricsay, Thomas Beecham und Karl Böhm bruchlos einreiht. Sie ist Harnoncourts steifleinener, kaum den vitalen Nerv des Stückes treffender Einspielung deutlich überlegen. So vermag diesmal Harnoncourts Temperaments- und Gedankenschwere nicht gegen den sprühend-naiven Touch des gewitzten Opern-Altmeisters Solti anzukommen. Freilich gibt es auch in Georg Soltis „Entführung“ in der Koordination von Sängern und Orchester (gleich in der ersten Belmonte-Arie etwa) ein paar leichte Trübungen. Der auf zügige Tempi und insistierende Dynamikabstufung bedachte Klangduktus, in dem buffo-Charakter und espressivo (seria) bei keiner Note zu kurz kommen, verläuft durchweg gradlinig und flächig. Die Besetzung ist hochkarätig: die Soltis Intentionen minuziös aufgreifenden Wiener Philharmoniker; der Staatsopernchor; vor allem die Mozarts „Kniffligkeiten“ absolut gewachsenen Sänger; an der Spitze Edita Gruberova und Kathleen Battle, die kaum zu übertreffen sind; der stimmlich etwas starre, weniger modellierfähige Gösta Winbergh (der immerhin die selten zu hörende Arie nr. 17 beifügt), neben Heinz Zednik und Martti Talvela.

Peter Fuhrmann