Von Kurt Sontheimer

Max Weber (1864-1920), den man mit Fug und Recht unter die Großen Deutschen eingereiht hat, gilt in der modernen Sozialwissenschaft des Westens, speziell in der Soziologie, seit über einem halben Jahrhundert als Klassiker. Er war ein genialer Wissenschaftler von gigantischer Schaffenskraft und bleibender Wirkung. Seine unangefochtene Autorität und sein Werk legitimieren die inzwischen zu Macht und Ansehen emporgestiegene moderne Sozialwissenschaft. "Als geschätzter Ahn und Hausgott ziert er den Siegestempel der modernen Sozialwissenschaft." Wer deren Grundlegung und Legitimität in Zweifel zu ziehen sich erkühnt, muß sich in der Tat mit keinem Geringeren als Max Weber anlegen, und das will gekonnt sein!

So sieht es Wilhelm Hennis, Politologe an der Freiburger Universität, der sich jedoch nicht mit Max Weber anlegen, ihn vielmehr in einem anderen Geiste interpretieren will. Er hat in den letzten Jahren keine Mühe gescheut, in die Persönlichkeit und das Werk Max Webers einzudringen, beides umfassender zu sehen als mit den dogmatisch verengten Augen der herrschenden Lehre. Diese hatte aus Max Webers Werk wenig anderes herauszulesen vermocht, als einen Maßstab setzenden Beitrag zum Prozeß der "Rationalisierung der modernen Welt" und ihm selbst eine "bewußte Entscheidung für die Kulturtradition des modernen okzidentalen Rationalismus" zugeschrieben. Die Frucht dieser Bemühung, die bei Hennis auch zu einer gewissen Lösung von seinem früheren kritischen Max-Weber-Bild führte, findet sich jetzt zusammengefaßt in dem Werk:

Wilhelm Hennis: Max Webers Fragestellung, Studien zur Biographie des Werkes; J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1986; 242 S., 34,– DM.

Die mühsame Arbeit, die den sonst das engagierte öffentliche Wort nicht scheuenden Kollegen für Jahre in das Reduit einer traditionellen Gelehrten-Existenz verbannt hatte, hat sich fürwahr gelohnt. Wer künftig über Max Weber und sein Werk ernsthaft mitreden will, muß sich mit Hennis auseinandersetzen, er muß sich mit der Fragestellung, die er an seinen Gegenstand heranträgt und den Antworten, die er findet, beschäftigen.

Hennis hat nicht, wie sein die herrschende Lehre repräsentierender Vorgänger Reinhard Bendix, den Ehrgeiz gehabt, ein "intellektuelles Porträt" zu schreiben, aber die fünf in diesem Band versammelten Studien sind geeignet, das Max-Weber-Bild nachhaltig zu korrigieren, oder besser: es anzureichern und zu vertiefen. Hennis verfährt mit großer Sorgfalt, mit einer manchmal fast pedantisch erscheindenden gelehrten Akribie und vor dem Hintergrund einer beeindruckenden Kenntnis der einschlägigen Literatur, was, ähnlich wie bei Max Weber, auch die Lektüre der vielen Fußnoten unentbehrlich und anregend macht.

Letzten Endes kommt es, ungeachtet der in diesen Studien obwaltenden Gelehrsamkeit, die gleichwohl das Wesentliche nie aus den Augen läßt, auf die Richtung der Interpretation an. Hennis fragt als erstes nach der leitenden Fragestellung Max Webers. Entgegen den landläufigen Rationalisierungsinterpreten hebt er mit großer Entschiedenheit auf Max Webers primäres Interesse an der Lebensführung des modernen Menschen ab. Was aus den gegebenen Daseinsbedingungen für den Menschen, für seine Qualität, für, wie er sich oft ausdrückte, das "Menschentum" folge, das sei Webers leitende Fragestellung gewesen.