Münster

Mit sichtlichem Stolz führt Maija Gobins durch das mehrstöckige Gebäude am Stadtrand von Münster. Das Erdgeschoß besteht aus einem variablen Mehrzweckraum, einem Unterrichtszimmer, einer Küche und einem Speisesaal. In den Stockwerken darüber liegen kleine, schlicht ausgestattete Klassenräume; der Nebentrakt ist ein Internat mit Drei- und Ein-Bett-Zimmern. Im Keller wird zur Zeit eine Bibliothek eingerichtet; und unterm Dach wohnt und arbeitet der einzige Redakteur der Wochenzeitung Brívá Latvija (zu deutsch: Freies Lettland), das zentrale Informationsorgan der Letten in Westeuropa und Amerika, Auflage: 2400 Exemplare.

Erst vor einem halben Jahr wurde der Neubau in Betrieb genommen; 2,5 Millionen Mark zahlte der Bund, ebenfalls 2,5 Millionen Mark das Land Nordrhein-Westfalen, und 1,6 Millionen Mark spendeten Exil-Letten aus aller Welt. "Lettisches Zentrum" nennt sich das Gebäude und ist Anlaufstelle jener rund 100 000 Letten "in der freien Welt", sagt die Architektin Maija Gobins. Vor allem viele ältere Letten sind von überall her nach Münster gezogen, seit hier das Zentrum existiert. Hier finden sie Nestwärme, hier können sie lettisches Brauchtum pflegen. Bislang waren die einzelnen Bereiche des Zentrums auf mehrere Städte verteilt.

Wichtigster Bestandteil der Begegnungsstätte ist das lettische Gymnasium. Hier legen nicht nur lettische, Schüler aus allen Teilen der Bundesrepublik ihr Abitur ab; hierhin schicken auch viele Letten aus dem Ausland ihre Kinder, damit sie die lettische Sprache vervollkommnen und sich lettische Kultur aneignen. Durch die Räume weht ein Hauch von Internationalität, auch von Elitebewußtsein. Das Schulgeld, beträgt 1100 Mark im Monat. Unterrichtssprache ist Lettisch, und an den verschiedenen Akzenten ist zu hören, daß die Schüler aus allen Erdteilen kommen: aus den USA, aus Kanada, Australien und Skandinavien. Direktorin ist die aus den USA stammende Exil-Lettin Ilga Grava. Deutsch ist erst ihre Drittsprache.

Das zuständige nordrhein-westfälische Kultusministerium hat das Abitur an dieser Schule bisher stets als gleichwertig anerkannt. In eigener Verantwortung konnte die Schulleitung ihre Unterrichtspläne gestalten und Prüfungen abhalten, keine staatliche Behörde kümmerte sich darum. Sofern die Abiturienten ein Studium begannen, mußten sie lediglich nach zwei Semestern an der Hochschule eine zusätzliche sogenannte "Fleißprüfung" ablegen.

Die Vorzugsbehandlung hat historische Gründe. Die Letten galten nach dem Krieg als "displaced persons", verschleppte Personen. In der britischen Zone, zu der Münster damals gehörte, durften sie höhere Schulen einrichten, die von den Bundesländern finanziert werden mußten; die deutsche Schulverwaltung durfte jedoch keine Aufsicht ausüben.

Diese Regelung galt unverändert nahezu 40 Jahre lang. Noch 1970, als es darum ging, ob die Schüler des lettischen Gymnasiums Anspruch auf Ausbildungsförderung haben, stellte das Schulkollegium beim Regierungspräsidenten in Münster fest: "Die am Lettischen Gymnasium Münster abgelegte Abschlußprüfung entspricht im Niveau den in der Reifeprüfung gestellten Anforderungen... Schüler der Klassen 11 bis 13 des Lettischen Gymnasiums Münster können somit in die Förderung nach dem Ausbildungsförderungsgesetz einbezogen werden."