Auf der Geburtstagsparty seiner Studentenclique springt der zwanzigjährige Marcelo bekifft ins Meer und schlägt mit dem Kopf auf einen Felsen auf. Halswirbelbruch.

Was macht ein junger Mann, der in einer WG lebte, der Gitarre in einer Band spielte, wenn sein Leben sich fortan auf das reduziert, was er „Kopfzeit“ nennt? „Ich spürte, daß nur eine einzige Sache bei mir funktionierte. So, als wäre ich ein Kopf auf einem Tablett. Es brauchte nur einmal zu wackeln, und schon würde mein Kopf vom Tablett fallen und wie ein Ball weiterrollen.“ Nach der Depressionsphase, in der er natürlich auch an Selbstmord denkt und ihn sadistische Gedanken quälen, entschließt sich Marcelo Rubens Paiva, seine Geschichte aufzuschreiben.

Doch der autobiographische Roman „Sprung in der Sonne“, in Brasilien 1982 unter dem Titel „Feliz Ano Velho“ („Glückliches Altes Jahr“) erschienen, will mehr als nur Mitleid erregen oder Bewunderung für den Mut, mit dem ein Querschnittgelähmter sein Schicksal meistert: „Ich will nicht, daß die Leute in mir einen jungen Mann sehen, der trotz allem viel Kraft ausstrahlt. Ich bin kein Beispiel, für nichts.“

Dennoch hat Marcelos Geschichte exemplarischen Charakter, wird seine Krankheit zur „Sucht nach dem Leben“, auch dann, wenn er mit Sarkasmus und Humor seine Situation überspielen will, wenn er zum Beispiel mit seinem schwarzen Krankenpfleger Negrinho – zwei irre Typen – im Rollstuhl durch São Paulo ins Fußballstadion rast. Marcelo versucht mit dem Schreiben seine Identität zu definieren und die Gegenwart zu bewältigen, und er tut dies vor allem durch Phantasiereisen in die Vergangenheit, „Sich erinnern heißt leben“, und durch in die Zukunft gerichtete utopische Träume. Und gerade diese langen Szenen sind es, in denen sich viele Jugendliche in Brasilien wiederfinden. Das erklärt auch den Erfolg dieses Buches in Lateinamerika: etwa fünfzig Auflagen, fast eine halbe Million verkaufte Exemplare, nahezu zwei Jahre Platz eins der Bestsellerlisten. Marcelos Geschichte der Behinderung wurde zur Metapher. „Eine Jugend in Brasilien“ (so lautet der deutsche Untertitel) ist auch die Geschichte der jungen Generation Brasiliens der siebziger Jahre, die Geschichte derer, die in der Diktatur aufgewachsen sind. Marcelo Rubens Paiva selbst war elf Jahre alt, als sein Vater, Abgeordneter und Ingenieur, der Sozialwohnungen in Armenvierteln baute, 1971 von der Polizei verschleppt wurde – er kehrte nie zurück.

Die jungen Leute, die Marcelo Rubens Paiva in seiner Geschichte als seinen Freundeskreis porträtiert, haben „die Nase davon voll, der Gesellschaft irgend etwas schuldig zu sein“. Sie verbringen ihre Freizeit in Discos und mit Surfen. „Einfach nur Spaß haben“, lautet ihre Devise. Aber das schließt nicht aus, daß sie gleichzeitig in ihren Bands die Musik der verbotenen Contracultura, von Caetano Veloso, Gilberto Gil oder Chico Buarque spielen und auch für den Ex-Guerillero Fernando Gabeira und seine Autobiographie „Die Guerilleros sind müde“ (so der Titel der deutschen Übersetzung) schwärmen. Und innerhalb ihres Ökonomiestudiums leisten sie wirksame Basisarbeit in Elendsvierteln. Sie haben keine Schwierigkeit, „Spießigkeit, Ausflippen und Revolution“ miteinander zu verbinden.

„Sprung in der Sonne“ ist das erste Buch, das Marcelo Rubens Paiva, auf Anraten eines bedeutenden brasilianischen Verlegers und Freundes seines Vaters, geschrieben hat. Der Akt des Schreibens wurde für den Autor, der vor seinem Unfall mit dem Gedanken gespielt hatte, das Studium an den Nagel zu hängen und Profimusiker zu werden, zum Entwurf künftigen Lebens. Vor kurzem erschien Marcelo Rubens Paivas zweites Buch, ein Science-fiction-Roman mit dem Titel „Blecaute“ („Blackout“). Henry Thorau

Marcelo Rubens Paiva: