Ein Jurist führt Beweis: Nicht die Juden – die Römer sind schuld am Tode Christi

Von Hanno Kühnert

Christliche Buchhändler in besonders frommen Gegenden weigern sich, ein kürzlich erschienenes Buch über den Prozeß Jesu ins Schaufenster zu legen oder überhaupt zu bestellen. Sie ärgern sich über den Titel Standrechtlich gekreuzigt und fürchten, er könnte Kunden vergraulen. Der profane Text des Buchumschlags, der die Verurteilung Christi mit dem Vokabular des heutigen Militärrechts darstellt und den Schleier zweitausendjähriger Verehrung wegzieht, kennzeichnet den ganzen Band: er ist unbefangen formuliert und deswegen besonders interessant. Zum ersten Mal hat ein deutscher Jurist, kritisch und mit der Gründlichkeit einer sechsjährigen Obsession, diesen geschichtsträchtigen Prozeß untersucht, ein theologischer Laie, aber ein versierter Strafverteidiger, der Freiburger Anwalt Weddig Fricke. (Weddig Fricke: Standrechtlich gekreuzigt. Der Prozeß Jesu. Mai Verlag, Buchschlag bei Frankfurt).

Frickes Buch bringt frischen Wind in die unabsehbare Reihe verstaubter Literatur, die sich mit dem Strafverfahren gegen den berühmtesten Religionsgründer der Weltgeschichte befaßt. Die theologische Zunft mit ihrer herrschenden Meinung und die Kirchen werden Frickes Untersuchung wohl eher als kalten Luftzug empfinden, überführt der Anwalt doch die frühen Chronisten des Prozesses Jesu zahlreicher Geschichtsverbiegungen.

Merkwürdigerweise haben sich bisher keine Juristen aus dem christlichen Kulturkreis des lange tabuisierten Stoffes angenommen, obwohl gerade sie doch besonders geeignet scheinen, Dunkel in dieses angebliche Doppeltribunal in einer abgelegenen Ecke des Imperium Romanum zu bringen. Der Prozeß Jesu war bisher eine Domäne vor allem der Theologen. Sie achten seit etwa 1950 Jahren darauf, daß von ihren Darstellungen Kirche und Gläubigkeit profitieren. Die historische Wahrheit ordneten sie – bewußt oder unbewußt – diesem Ziel unter. Ihnen allen voran die Schreiber der vier Evangelien, aber auch der Apostel Paulus und die frühen Kirchenväter. Die Schönfärberei und das Trimmen der Lebenstatsachen Christi gingen so weit, daß Ende des vergangenen Jahrhunderts die laizistische Wissenschaft überwiegend annahm, Jesus sei gar keine historische Person: er taucht – neutral – überhaupt nur in einer stark angezweifelten Stelle bei dem jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus auf, und der Prozeß Jesu wird abseits der christlichen Überlieferung nirgendwo publik.

Widersprüche als Indizien

Heute aber sind gerade die Ungereimtheiten der Evangelien, die vielen Widersprüche, die dem Glattbügeln entgingen, Indizien dafür, daß es die irdische Person Jesu und ihren schmählichen Prozeß eben doch gegeben hat. Auch Fricke geht hiervon aus, und sein Jesus, der sich anfangs nur bruchstückhaft in dem Wirrwarr der Quellen abzeichnet, wirkt bald gar nicht mehr entrückt. Im Gegenteil, Jesus ist in dem Buch ungemein menschlich und kommt dem verblüfften Leser unglaublich nahe. Wahrscheinlich, sagt Fricke, war Maria Magdalena die Frau von Jesus, dem Schreiner. Sie ruft erschrocken und zärtlich, als der auferstandene Jesus ihr begegnet, das Wort "Rabbuni!" aus – "mein Räbbele!" übersetzt Fricke ins badische Idiom.