Ein ehrgeiziges Programm soll die Computerindustrie voranbringen

Von Jay Tuck

Sergej Schtschawenkow ist ein Computerfachmann ohne Computer. Er schreibt Software für die Sowjetunion. Bei den Moskauer Elektrikwerken entwirft der 38jährige Techniker, dem elf junge Mitarbeiter unterstellt sind, Programme für rechnergesteuerte Drehbänke. Es ist eine Auf-

gabe von hoher Priorität in Gorbatschows Ruß-

land. Sein Berufsstand zählt heute zur Elite der Nation. Doch dem ernst dreinblickenden Abtei-, lungsleiter mit den stoischen Augen und Dostojewski-Bart ist von alledem nichts anzusehen.

Sein Konfektionsanzug ist unförmig, seine schwarzen Schuhe abgenutzt. Sein Schreibtisch, die Fehlkonstruktion einer Moskauer Möbelfabrik, läßt keinen Platz für seine langen Beine. Er sitzt seitlich davor. In dem kargen Großraumbüro, in dem er arbeitet, gibt es keinen einzigen Computer, nur Taschenrechner und eine veraltete Lochmaschine. Seine software-Zeilen werden mühsam mit Bleistift in ein gebundenes Register eingetragen und anschließend auf Papierstreifen gestanzt. Erst am nächsten Morgen, wenn die Streifen in die Drehbänke gefüttert werden, erfährt Schtschawenkow, ob seine Programme funktionieren.

Die Arbeitsbedingungen bei den Moskauer Elektrikwerken sind kennzeichnend für den Zustand der Hochtechnologie in der sowjetischen Wirtschaft, aber auch verwunderlich. Denn kein Land der Erde beschäftigt mehr Wissenschaftler und Ingenieure als die UdSSR. Sie zündete die erste Wasserstoffbombe, beförderte den ersten Satelliten ins All und ist augenblicklich dabei, den Weltrekord für den längsten Aufenthalt von Menschen im Weltraum aufzustellen. Von ihrem Bruttosozialprodukt investieren die Sowjets 3,9 Prozent in Forschung und Entwicklung, die Hälfte mehr als die Vereinigten Staaten. Warum, so fragt man sich, haben Ostblock-Techniker ausgerechnet bei der Computertechnik, die das Wachstumstempo der Weltwirtschaft angibt, so kläglich versagt?