Wir Deutsche kennen diesen Zwiespalt der Gefühle. Als wir uns auf dem beruhigenden Kurs der Entspannung wähnten, erinnerte der DDR-Spion im Kanzleramt an die Unwägbarkeiten des Ost-West-Verhältnisses. Ähnlich müssen jetzt die Amerikaner empfinden. Wenige Tage vor dem Besuch ihres Außenministers im Kreml und mit einem Supermachtgipfel in Sicht erfahren sie von schier unglaublichen Vorkommnissen in der Moskauer US-Botschaft.

Daß sich ausgerechnet zwei „Ledernacken“ den Kopf verdrehen ließen und den Sowjets Tür und Tor zum Sanktuarium der amerikanischen Vertretung, zum Funk- und Verschlüsselungsraum öffneten, zerstört neben dem Glauben an die Sicherheit in den Auslandsmissionen auch noch die Illusionen über eine vielgepriesene Waffengattung. Aber es ist wohl so: Mit Hilfe der Marines haben sowjetische Agenten Anfang des vergangenen Jahres monatelang wichtigste Geheimnisse der Amerikaner lüften und wahrscheinlich sogar ihren Nachrichtencode knacken können.

Welche Vorteile die Sowjets aus ihren Erkenntnissen zogen – in Genf, in Reykjavik? –, das bereitet der amerikanischen Regierung schon Kopfzerbrechen genug. Wichtiger aber noch ist, wie die Panne Washingtons künftiges Verhältnis zur anderen Supermacht bestimmt. Zu den vertrauensbildenden Maßnahmen zählt der Spionagecoup der Sowjets gewiß nicht. D. B.