Tricks gegen die Radioaktivität gibt es nicht. Man kann sie messen. Nicht aber verbrennen, vernichten, oder abschalten wie einen überhitzten Ofen. Man kann sie nur wegschließen (neudeutsch: endlagern), verdünnen (wodurch die Gefahr nur verteilt wird) oder - ignorieren.

Was geschieht, wenn plötzlich ein 2 7 Kilometer langer Güterzug, beladen mit 5000 Tonnen verseuchten Molkepulvers auftaucht?

Alle Möglichkeiten werden durchgespielt: Erst wird nach einer Deponie für das kontaminierte Pulver gesucht, dann nach einem Käufer und die ganze Zeit über nach den jeweils passenden Erklärungen. Politik, die Kunst des Möglichen: Bloß weg, fort, irgendwohin mit dem Zeug.

Der Coup gelingt beinahe. Doch noch immer harrt die heiße Fracht, jetzt bewacht von der Bundeswehr, der "Entsorgung". Nun will Bundesumweltminister Walter Wallmann das verstrahlte Molkepulver definitiv "unschädlich machen". Exemplarischer als an diesem Fall läßt sich die Hilflosigkeit, die der Atomunfall in Tschernobyl schlagartig sichtbar gemacht hat, kaum darstellen. Die Odyssee der 5000 Tonnen verstrahlten Molkepulvers könnte als Beispiel verzweifelter Problemlösungsphantasien gelten; gleichzeitig hat die Geschichte den Geruch eines sozusagen legalen Schurkenstücks. Da überbieten einander Minister und Bürokraten mit waghalsigen Volten, werden nicht nur Güterzüge, sondern auch Kompetenzen quer durch die Republik geschoben. Da stolpert urplötzlich ein findiger Geschäftsmann als Knallcharge in die Szenerie, erscheint Afrika als Rettung am Horizont.

Die Geschichte beginnt mit der Katastrophe von Tschernobyl. Anfang Mai 1986 fällt auch in Bayern, besonders im Südosten des Freistaats, stark radioaktiver Regen "Keine Gefahr", befinden die Behörden. Bundeslandwirtschaftsminister Ignaz Kiechle, selber Bayer und Bauer, empfiehlt bereits Mitte Mai, die Rinder wieder auf die Weiden zu treiben. Ihre Milch strahlt; verseucht ist auch die Molke, jene säuerliche Flüssigkeit, die bei der Käseherstellung nach dem Abscheiden von Fett und Eiweiß zurückbleibt.

Radioaktive Molke gibt es in Südbayern bald in gewaltigen Mengen. Hier werden gut 70 Prozent des bundesdeutschen Käses produziert. Und dem Münchener Landwirtschaftsministerium fällt in seiner Not nur der dringende Aufruf an die Bauern ein: "Käsen, käsen, käsen"! Eine eigentlich vernünftige Idee, denn im Käse sammelt sich nur rund ein Viertel der Radioaktivität aus der Milch. Entsprechend stark verseucht ist dann freilich die Molke - und erst recht das Molkepulver: 32 Liter der grünlichen Flüssigkeit kann man zu einem Kilogramm gelblich weißen Mehls eintrocknen. Wird die Molke noch entzuckert - und gerade dies ist das spezielle Verfahren des größten südbayerischen Molkeverwerters, der "Meggle Milchindustrie GmbH und Co. KG" in Wasserburg am Inn , dann erreicht die Radioaktivität in dem Pulver noch höhere Werte.

Klar, daß Meggle nicht wohl ist mit diesem Zeug. Mitte Mai mietet die Firma - für drei Mark pro Tag und Waggon - Güterwagen der Deutschen Bundesbahn zur vorläufigen Lagerung des radioaktiven Molkepulvers an.