Von Barbara Sichtermann

Woody Allen hat es gut, er wird praktisch nur noch gefeiert, egal was er macht. Die deutsche Kritik bricht in stehende Ovationen aus, kaum daß ein neues Werk die Dunkelheit des Kinos erblickt hat. Nun ist Allen in der Tat fabelhaft, wer wollte ihm den Erfolg mißgönnen. Als Liebhaberin des komischen Genres fällt mir aber Allens Vorläufer ein, der, Jude wie Allen und ebenso erfolgreich, doch nie zum Hätschelkind der deutschen Intelligenz wurde und für Leute mit Geschmack ein Schrecken geblieben ist: Jerry Lewis, der wahnsinnigste Clown, den (behaupte ich) die Leinwand kennt.

Wie kommt es, daß ihm hierzulande nicht mehr zuteil wurde als der Bahnhofskinoerfolg in den Fünfzigern, die Entdeckung durch wenige Cineasten in den Sechzigern, schmale Fangemeinden in den Siebzigern und Interesse seitens der tonangebenden Kritik erst mit den späten Werken (ab "Wo bitte geht’s zur Front?")? Jerry Lewis ist irgendwie heikel, seine irren Streifen sind Wegwerfgaudi für das sogenannte Massenpublikum und perverser Genuß für ein paar Connaisseurs; Kritiker und Filmfreunde haben sich ihm, wenn überhaupt, nur mit den spitzen Fingern der Analyse genähert. Man mußte Lewis auseinandernehmen, wenn man sich mit ihm beschäftigte, anders war er offenbar nicht auszuhalten.

Woody Allens Erfolg und ein Blick auf seine Rollen geben ein paar Hinweise, woran das liegen könnte. Und wenn man weiter zurückgeht und sich an Charlie Chaplin erinnert, versteht man noch besser, warum Lewis als Exportartikel nie so erfolgreich sein konnte wie sein Vorläufer und sein Nachfahre; warum, mit einem Wort, Lewis tatsächlich "die komische Variante des häßlichen Amerikaners" (Thomas Brandlmeier) blieb.

Woody ist in seinen Filmen Schriftsteller oder Fernsehmensch oder Regisseur, kurz, er selbst; zwar scheitert er, das muß er ja als Komiker, aber er bleibt doch mit Story, Ambiente und Milieu in der intellektuellen Mittelklasse. Charlie ist ein Faun, eine sagenhafte Gestalt, die durch die Wirklichkeit schweift wie ein anmutiger und tückischer Komet, seine Komik entspringt einer Art lyrischem Slapstick. Und Jerry? Seine Figuren schaffen es, noch von der untersten Sprosse der sozialen Leiter mit einem Karacho zu stürzen, als fielen sie just aus den Wolken, sie kreuzen als Balljunge, Laufbursche, Küchenhilfe, Page, Schütze Bumm undalle Arten von Lückenbüßern und Sündenböcken auf, als ein armseliges Lumpenproletariat, das an der funktionierenden Repression durch Kaskaden splitternder Scheiben, berstender Kisten, polternder Möbel und implodierender Apparate seine Rache übt, nicht absichtsvoll, sondern dank übermenschlicher Tolpatschigkeit. Die Szene in Jerrys Filmen sind Kasinos, Golfplätze, Hotelhallen und Ateliers, in die er nicht reinpaßt und folglich, da er, wo er geht, die Dinge ins Rutschen bringt, den Gesetzen der Schwerkraft auf seine Weise Respekt verschafft. Sein Milieu aber ist das Chaos selbst.

Zwischen Jerry und seiner message – "Achtung, gleich fliegt alles durch die Gegend!" – gibt es keinen Abstand des Stils, der Eleganz oder der Exotik, seine Komik ist anzüglich und brutal, sein Slapstick so rüde und infantil, wie es der Nachspann seines größten Films, "Der verrückte Professor", aufs beste dokumentiert. Alle Darsteller verneigen sich am Schluß, Jerry aber stolpert, bricht dabei durch die Leinwand und stürzt, nach Halt zappelnd, schreiend auf das Publikum zu. Der insgeheime Untertitel aller seiner Filme lautet: "Volle Deckung!"

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