Von Dieter Hildebrandt

Athen, Spreeathen. Das Wort geht auf Voltaire zurück, der dem Kronprinzen Friedrich damit schmeicheln und ihn aus dem Sparta-Preußen erlösen wollte. Seine Verse aus dem Jahre 1737 (also gewissermaßen zur 500-Jahr-Feier Berlins) lauten: Die Griechen waren vom Schicksal begnadet – Nun ist Friedrich gekommen, und er bringt es dahin,

Daß Athen – eines Sokrates selbst unbeschadet – Platz machen muß dem neuen Berlin.

Friedrich läßt sich das nicht zweimal sagen, sondern antwortet am 7. April 1737: "Berlin werde Athen! Ich nehme das Omen an. Wenn es imstande ist, Herrn von Voltaire an sich zu ziehen, so wird es unfehlbar eine der berühmtesten Städte Europas werden ... Möge Ihr Genie einst in dem neuen Athen seine Belohner finden." Auch, als Voltaires späteres Gastspiel in Berlin gescheitert ist, gibt er, inmitten einer höhnischen Retrospektive, doch zu: "Die Dinge änderten sich zusehends: Aus Sparta wurde Athen." Den Nachtrag zum Thema lieferte der Publizist Theodor Wolff im Jahr 1933, aus berüchtigtem Anlaß: "Soll man Athen verdammen, weil Sparta Mode wird?"

Butterkellertreppengefalle. Eine Kuriosität, die sich beim späten Goethe findet (in den Gesprächen mit Biedermann); der Dichter äußert sich darüber kritisch-amüsiert: "Die Berliner Sprachverderber sind eben doch auch zugleich diejenigen, in denen noch eine nationelle Sprachentwicklung bemerkbar ist, z. B. ‚Butterkellertreppengefalle‘, das ist ein Wort, wie es Aristophanes nicht gewagter hätte bilden können, man fällt ja selbst mit hinunter, ohne eine Stufe zu verfehlen." Eduard Spranger, in seiner Aufsatzsammlung "Berliner Geist", meint, den greisen Weimaraner korrigieren zu müssen: es könne sich da nur um einen Bulettenkeller gehandelt haben. Die Besserwisserei hat aber nicht viel für sich: Ein Butterkeller (wegen der Kühlung) ist naheliegender als ein Bulettenkeller, auch ist (wegen der Glitschigkeit ausgeschwappten Rahms) das Gefalle da plausibler. Fazit: Goethe hat immer recht, und alles ist in Butter. Allenfalls könnte Aristophanes pikiert sein.

Carrière. "Was heißt Carrière machen anders, als in Berlin leben, und was heißt in Berlin leben anders, als Carrière machen?" Zu beachten ist vor allem das C, das aus den neueren Fontane-Ausgaben in der Regel getilgt ist. Denn eine Carriere ist etwas ganz anderes als eine Karriere, der man das Robuste, Herangekarrte schon an der Aussprache anmerkt (Karrjeeere), den Neureichtum, den Ellbogengebrauch und die kurze Dauer. Karriere, das hat mit Aufsteiger, auch in Gestalt des Senkrechtstarters, zu tun. – Carrière, das war die Zeit, als man noch zu Pferde saß und wußte, daß es die schnellste Gangart war, bei der man sich Hals und Bein brechen konnte. Man sollte dem Fontaneschen Satz das C auch deshalb lassen, damit deutlich wird, daß er nur dem Berlin des 19. Jahrhunderts gutgeschrieben werden kann. Ob aber der Befund auf Fontane selber zutrifft? Seine Leser, Liebhaber, Literaturprofessoren mögen das heute vehement bejahen. Aber der Schriftsteller selbst dürfte mit seinen berühmten Versen abgewinkt haben: ... Altpreußischer Durchschnitt. Summa summarum,/ Es drehe sich alles um Lirum LarumJ Um Lirum Lamm Löffelstiel./ Alles in allem – es war nicht viel.

Dorf. "Berlin ist doch kein Dorf!" Eine reine Schutzbehauptung: Nicht nur die hiesigen Dorfkirchen, nicht nur die auf den Märkten angebotenen berlinischen Farmeier, nicht nur der Duft der Rieselfelder bezeugen, daß Berlin ein Dorf war, ist und bleiben wird; auch die Chausseenhaftigkeit seiner Straßen, das Birkengrün über alten Gleisanlagen, die Blanc-de-Blanc-Heiterkeit vieler Vorgärten, die Kiez- und Kauzigkeit mancher politischen Gesinnung und das immerwährende Bauernfrühstück Kurfürstendamm sprechen eine deutliche Sprache: Berlin – ein großes Dorf. Nur wissen alle, die einmal auf dem Land gelebt haben, daß jedes Dorf mehr Berlin ist (nämlich seine eigene Metropolis), als es Berlin selbst je sein wird.