Ein Indiz für die familiären Leistungen der deutschen Seele sind die Geburtstage und die Jubiläensucht. Man feiert z. B. das 25. Kutschbockjahr eines Droschkenkutschers. Manchmal geht das bis in die Karikatur: So feiert ein Ehemann ein Jubiläum, weil seine Frau das zehnte Dienstmädchen zum Haus hinausgejagt hat.

Jules Laforgue: „Berlin, der Hof und die Stadt“, Insel Verlag 1970

Die Kunst, Kunst zu verdrängen

Vom, immerhin, Gesamtkunstwerk war die Rede und der wunderbaren Zusammenarbeit mit den Künstlern, den Lebenden (Baselitz, Hockney, Lichtenstein), den Halbtoten (Dalí), den Toten (Sonja Delauney), als André Heller seinen Sommer-Kunst-Zirkus „Luna Luna“ auf einer Pressekonferenz vorstellte. Zwei Sommermonate lang soll auf Hamburgs schöner grüner Moorweide, gleich neben dem Dammtorbahnhof, das zu sehen und erleben sein, was Kultursenatorin Schuchardt mit glücklichem Lächeln (das ganze wird nämlich von der Neuen Revue finanziert) eine „spannende Konstellation“ nannte. Weder die für die Kultur verantwortliche Senatorin noch der den Künstlern so verbundene Tausendsassa schienen freilich einen Gedanken an die Tatsache verschwendet zu haben, daß auf der Moorweide bereits zwei veritable Kunstwerke stehen: eine Liegende von Henry Moore und ein sechsteiliges Ensemble aus Dolomit-Steinen von Ulrich Rückriem. Die Arbeit von Rückriem, planmäßig über die Anlage verteilt, ist eine Leihgabe des Künstlers. Die Stadt hat das Material bezahlt, und man durfte hoffen, daß die steinernen Monumente, auf denen die Grenzen zwischen Natur und Kunst nur in feinsten Markierungen wahrzunehmen sind, eines Tages das gleiche selbstverständliche Hausrecht haben würden wie die Bäume. Aber dieser Traum ist jetzt wohl ausgeträumt. Denn Ulrich Rückriem, der nicht einmal gefragt wurde, wie er sich eine wenn auch unfreiwillige Teilnahme bei Heller & Co. möglicherweise vorstellen könne, wird seine Skulpturen abtransportieren. Am Ende des Sommers wird bleiben: eine zertrampelte Wiese. Und da sage noch einer: Heller kostet nichts. Der freilich, um einen Schlenker nie verlegen, wird sagen, daß Henry Moore aber für ihn sei.

Kempowskis Kurzweil-Mutter

Sein Name ist Kurzweil, er ist Mormone, und er befindet sich in Provo: Jedermann weiß, daß an diesem Ort des US-Bundesstaates Utah die Brigham Young University residiert – eine der reichen (von Mormonen finanzierten) amerikanischen Privatuniversitäten für 30 000 Studenten. Dort hat der Germanistikprofessor Alan Frank Keele sich ein modernes Märchen erfüllt: Mit Hilfe des Großcomputers IBM 370 und dem „Laser Scanner“ (Laser-Leser) Marke Kurzweil hat er das gesamte Wortmaterial von Walter Kempowskis zehnbändiger „Deutscher Chronik“ erfaßt, codiert und alphabetisch geordnet wieder ausgedruckt: 8600 DIN-A4-Seiten. Hinter jedem Wort steht die exakte Quellenangabe. So wissen wir endlich, wie oft – und wo genau – Kempowski das Wort Mutter benutzt hat, und wieviel seltener das Wort Vater. Die Millionen-Dollar-Höllenmaschine stellt auch Korrelationen her, entschlüsselt Motiv-Felder und damit die Konstruktion dieser Prosa. Professor Keele sagt: „Wenn zum Beispiel die Marienkirche oft in Konstellationen mit Frauen- und Mutterfiguren vorkommt, kann man untersuchen, inwiefern die Marienkirche als Symbol der mythologischen Urmutter zu verstehen ist.“ Die acht Ordner gibt es auch kleiner – auf einer Diskette, nicht größer als eine Compact-Disc: „Für Besitzer von IBM-ähnlichen Microcomputern mit Elektronenhirn von mindestens Größe 640 Kilobyte und mit einer ,harten‘ Diskette von 20 Megabyte Kapazität sowie für Besitzer des Systems ,Bernoulli‘ mit 20 Megabyte Kassetten ist ein Softwareprogramm, genannt BYU Concordance, erhältlich.“ Ja, wer das besäße!

Lidija Tschukowskaja 80

Wir kennen von ihr nur zwei eindrucksvolle Bücher: „Ein leeres Haus“ (Zürich 1967) und „Untertauchen“ (Zürich 1975). Beide Werke der bedeutenden Schriftstellerin Lidija Tschukowskaja, die in diesen Tagen 80 Jahre alt wird, durften in der Sowjetunion nicht erscheinen. Sie wurden aber als Samisdat verbreitet, genau wie viele ihrer offenen Briefe, Artikel und Essays. Sie hat sich nie einer Ideologie verschrieben, ihr Glaubensbekenntnis sind die Menschenrechte, die sie zeitlebens mit besinnungsloser Tapferkeit vertreten hat, ungeachtet aller Schrecken, die sie selbst durchmachen mußte. Ihr Mann ist während des Stalinschen Terrors 1937 verhaftet und erschossen worden. Sie selber wurde 1974 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und kann heute nur dank ihrer Tochter und der Hilfe einiger Freunde – fast erblindet und schwer krank – existieren. Ihre beiden Bücher werden später einmal zu der großen Literatur gehören, die das Bild der Schreckensjahre für alle Zeiten festzuhalten imstande ist.