Späte Einsicht

Für einen Tag war Ronald Reagan dem grauen Washington entflohen – in den Frühlingsfrieden des Mittleren Westens, dorthin, wo das patriotische Herz Amerikas am heftigsten pocht. Doch spätestens in der sechsten Klasse der Fairview Elementary School von Columbia, Missouri, holte ihn die leidige Iran-Contra-Affäre wieder ein. Voller Unschuld hatte die elfjährige Heather Watson ihn gefragt, wie denn das Leben als Präsident so sei. Was er vor dem Pressekorps des Weißen Hauses nicht einräumen mochte, jetzt sagte es Ronald Reagan ohne Umschweife: Die Waffenverkäufe an die Ajatollahs in Teheran seien „ein wenig“ so gewesen, „als ob man einem Kidnapper Lösegeld zahlt“. Da war es also heraus. Und Reagan ging mit seinem Eingeständnis noch weiter: „Wenn man das tut, dann wird der Kidnapper nur ermutigt, den nächsten zu entführen.“ Gerade noch rechtzeitig erinnerte er sich wohl der Reporter, die ihn aus Washington begleitet hatten, denn er fügte schnell hinzu: „Ich muß sagen, ich glaube noch immer, daß die Idee richtig war.“

Bank der Hoffnung

„Zum Nehmen erzogen, müssen wir lernen, uns selbst zu geben“ – mit dieser Parole hat der Pole Marek Kotanski in den vergangenen Monaten schon einige tausend seiner Landsleute auf die Beine gebracht. Die von ihm gegründete „Bewegung der reinen Herzen“ pflanzte unter anderem Bäumchen im umweltgeschädigten Kattowitzer Industriegebiet und trat mit Eimern, Schrubbern und Putzmitteln an, um die öffentlichen Toiletten zu säubern. Während die Behörden noch grübeln, was sie von diesem selbstlosen Einsatz halten sollen, hat Kotanski ein weiteres Zeichen gesetzt und eine „Bank der Hoffnung“ ins Leben gerufen. Unter diesem Stichwort können die Bürger bei allen polnischen Banken Devisenbeträge einzahlen, die für den Import des dringend benötigten Aids-Testpräparats und entsprechender Laboreinrichtungen verwendet werden sollen. Innerhalb weniger Wochen kamen auf diese Weise 40 000 Dollar zusammen; ein ermutigendes Beispiel für Gemeinsinn – nicht nur im Kampf gegen die Jahrhundertseuche, die von manchen Polen noch sportivleichtfertig „Adidas“ genannt wird.

Linienbewußt

Michail Gorbatschow drapiert seine Politik der Öffnung mit modischen Einlagen. Nachdem Anne Burda in Moskau ihr neues Magazin für die russischen Frauen präsentiert hat, gibt es nun auch die erste Schönheitskönigin in der Sowjetunion – ausgerechnet im kalten Sibirien. Ljudmilla Semdjankina, Studentin des Eisenbahninstituts, gewann unter zehntausend Bewerberinnen den Titel „Miß Irkutsk“. Ins Finale kamen acht Konkurrentinnen, die sich nicht nur auf dem Laufsteg, sondern auch bei Tanz, rhythmischer Gymnastik, Konversation und „szenischen Übungen“ (Sowjetskaja Rossija) messen mußten. „Der Wettbewerb zeigte“, so der Vorsitzende der Jury, „daß wirkliche Schönheit nicht nur eine Gabe der Natur, sondern auch ein Ergebnis ständiger Arbeit an sich selbst ist.“ Logisch: Mit solcher Begründung lassen sich der Kurs Gorbatschows und die Linien Ljudmillas nahtlos verbinden.