Die Kritik an der herrschenden Wirtschaftstheorie wächst,

Von Wolfgang Zank

Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Schuldenkrise – die Liste gravierender wirtschaftlichen Probleme ist lang. Die Wirtschaftswissenschaft kann, von einigen Ausnahmen abgesehen, herzlich wenig zur Lösung beitragen. Dabei ist das theoretische Instrumentarium nach Umfang und Raffinement imponierend. Das gilt insbesondere für die vorherrschende Richtung, die Neoklassik. Aber die Fundamente dieses beeindruckenden Theoriegebäudes sind löchrig wie ein Schweizer Käse.

Das ist jedenfalls die Meinung einer wachsenden Zahl von Kritikern. Zu ihnen gehört Bertram Schefold, Ökonomie-Professor in Frankfurt. Schefold wurde kürzlich bekannt, als er zusammen mit Klaus Michael Meyer-Abich die "Grenzen der Atomwirtschaft" absteckte (vgl. ZEIT, Nr. 40, 26. 9. 86). Er arbeitet aber auch schon seit langem am Aufbau eines alternativen Theoriegebäudes mit. Dieses Bemühen setzte er kürzlich mit der Herausgabe eines Sammelbandes fort:

Bertram Schefold (Hrsg.): ökonomische Klassik im Umbruch. Theoretische Aufsätze von David Ricardo, Alfred Marshall, Vladimir K. Dmitriev und Piero Sraffa. suhrkamp taschenbuch Wissenschaft 627, Frankfurt am Main 1986; 240 S., 18,– DM.

Die neue Theorie soll – scheinbar paradox – auf den britischen Klassikern der Nationalökonomie aufbauen, also vor allem auf Adam Smith und David Ricardo. Adam Smith, Professor der Moralphilosophie, lieferte 1776 mit einer epochalen Inquiry into the Nature and the Causes of the Wealth of Nations das erste umfassende theoretische System einer Wirtschaftswissenschaft. Davon inspiriert, gingen einige vielseitige Gentlemen daran, Prinzipien und Methoden der neuen Wissenschaft auszubauen. Sie suchten nach theoretischen Werkzeugen, um Probleme ihrer Zeit – wie Pauperismus, Geldentwertung und Zollpolitik – in den Griff zu bekommen.

Zu diesem Kreis gehörten der Börsenmakler David Ricardo, der Priester Thomas Malthus, der Journalist James Mill und der Oberst a. D. Robert Torrens. Gerade ihr Status als Dilettanten (von dilettarsi, sich an etwas erfreuen), frei von akademisch-scholastischem Ballast, Karrierismus und bürokratischer Gängelei, ermöglichte ihnen eine ungewöhnlich vorurteilsfreie und originelle Diskussion.