Von Roger de Weck

Zwei Wüstensöhne stehen sich feindlich gegenüber, beide wurden 1942 in einem Nomadenzelt geboren, doch sonst haben sie nichts gemeinsam. Der Libyer Muammar al-Ghaddafi gebietet über eines der reichsten Länder Afrikas, der Tschader Hissen Habré herrscht über eines der ärmsten Völker des schwarzen Kontinents. Der eine ist ein geistesgestörter Revolutionär, der andere ein kühler Rechner und kühner Stratege. Vor drei Monaten rief Ghaddafi zum "Heiligen Krieg" gegen Habré auf – jetzt hat der libysche Oberst den Wüstenkrieg verloren.

An die dreitausend Soldaten der libyschen Besatzungsmacht sind in der Einöde des nördlichen Tschad gefallen. Vier Schlachten wurden geschlagen, und jedes Mal erlitt Ghaddafi eine verheerende Niederlage. Sein tschadischer Gegenspieler Habré ist dem Ziel näher gerückt, die Libyer aus dem Land zu jagen. Noch muß längs der Grenze der hundert bis hundertfünfzig Kilometer breite Aouzou-Streifen, den Libyen 1973 annektiert hatte, wiedererobert werden.

Davon abgesehen erstreckt sich nun Habrés Herrschaft über das ganze Land, über die Wüstenei im islamischen Norden und die Baumwollfelder im christlich-animistischen Süden. Das hat es seit zwei Jahrzehnten nicht mehr gegeben, daß ein Machthaber beinahe das gesamte Staatsgebiet unter Kontrolle hält.

Der bärtige Hissen Habré hat zwei Siege in einem errungen: Er gewann den Krieg gegen Libyen und den Bürgerkrieg gegen seinen jüngst noch mit Ghaddafi verbündeten Widersacher Gukuni Weddel. Zuerst liefen Weddeis Anhänger zu Habré über, dann wurden die Libyer in die Flucht geschlagen. Es begann am 2. Januar mit einem Überraschungsangriff auf die libysche Garnison in der Ortschaft Fada, im Nordosten des Tschad. Von den 1500 Besatzern wurden 800 umgebracht und 150 gefangengenommen. Ghaddafi sann auf Rache. Doch am 19. März geriet ein 700 Mann starker libyscher Verband auf dem Weg nach Fada in eine Falle – 370 Soldaten starben. Nicht besser erging es den 800 Libyern, die anderntags zu Hilfe eilten; die Hälfte kam bei den Kämpfen um.

Von ihrem Triumph beflügelt stürmten am 22. März Habrés Truppen den größten libyschen Militärstützpunkt im Nord-Tschad, Wadi Dum. Obwohl in der Minderzahl, richteten die Tschader ein Blutbad an. Nicht weniger als 1269 libysche Soldaten wurden niedergemetzelt und 438 (darunter der Kommandant der Militärbasis, Oberst Khalifa Abdul Aftar) gefangengenommen. Die andere Seite beklagte lediglich 29 Tote.

In Wadi Dum erbeuteten die tschadischen Streitkräfte ein für sie fast unglaubliches Waffenarsenal meist östlichen Ursprungs, achtzehn intakte Flugzeuge und Hubschrauber, über hundert Panzer und gepanzerte Fahrzeuge, mehr als vierhundert Lastwagen und Geländewagen, zehn Radaranlagen, vierzig Panzerabwehrrohre, aber auch Geschütze, Flugabwehrmissile, Raketenwerfer und Unmengen an Munition und Treibstoff: "Es war die Schatzhöhle des Ali Baba."