Frankreich feiert sein tausendjähriges Bestehen. Und wir?

Eigentlich wollten wir an diesem Abend – Walter (unser Dobermann) liegt schon in seinem Körbchen und träumt leise seufzend von jenem tatsächlich unglaublichen Knochen, den er vor einigen Wochen aus dem Tulpenbeet gezogen hatte und den wir als Zeugnis frühesten Deutschtums leider beim Deutschen Historischen Museum Berlin, in der paläonationalen Abteilung abliefern mußten – eigentlich also wollten wir an diesem Abend keine Zeile mehr lesen und uns lieber den Film "Versteckte Liebe" ("eine keusche, zarte Beziehung in der flirrenden Hitze Kretas") anschauen, von dem ja jetzt überall die Rede ist. Aber, wie so oft, blieb man wieder einmal in der Zeitung hängen, in der man doch eigentlich nur die Anfangszeiten des Kinos hatte nachschauen wollen.

Doch was die Nachrichtenagenturen AP und dpa da melden, ist wirklich zu ungeheuerlich. Frankreich, so lesen wir blaß vor Schreck, feiere das tausendste Jahr seines Bestehens. Mit der Wahl des Bürgers Hugo Capet zum König, 987 in Senlis, beginne "die moderne politische Geschichte Frankreichs". Unter "Orgel- und Trompetenklängen von Händel und Purcell" habe der französische Staatspräsident Mitterrand in der Kathedrale von Amiens die "Jahrtausendfeier Frankreichs" eröffnet – Seite an Seite mit dem "Thronprätendenten Frankreichs, dem Grafen von Paris, einem der späten Nachfahren des Kapetingerkönigs Hugo".

Ohne gleich den schlafenden Hund wecken zu wollen – das ist doch allerhand! Frankreich 1000 Jahre – und wir? Ja, da wird die bittere Notwendigkeit des Deutschen Historischen Museums wieder mit schreiender Deutlichkeit vorgeführt. Denn von den tausend Jahren, die 1945 zu Ende gingen, einmal abgesehen, sind wir nicht um vieles älter als die von nebenan?

Erst tausend Jahre Deutschland? – Lächerlich! Schlagen wir mal nach... hm ... die Schnurtopfkultur, ... Moorleichen, Bronzezeit... Germanien, ... Na, bitte: In zwei Jahren – das war doch was – feiern wir die eintausendneunhundertundachtzigjährige Wiederkehr der Schlacht im Teutoburger Wald! Damit fing doch alles an, und von Hermann, dem Cherusker, bis zu Prinz Louis Ferdinand, dem Thronprätendenten – das ist doch eine ganz gerade, ganz astreine Linie!

Andererseits, wir wollen uns nichts vormachen, gäbe es da doch die Gefahr, daß, nun sagen wir "ungute Assoziationen" entstehen. Die jungen Menschen sind ja heute anspruchsvoller. National ja, Chauvi nein, Deutschland ohne Reue. Es müßte ein etwas konsensfähigeres Datum sein. Das Nationale müßte mit dem Emanzipatorischen verbunden werden: die Dialektik des Nationalen sozusagen.

Hermann und seine Sandinistas gegen die römischen Imperialisten – geht aber auch nicht, unsere amerikanischen Freunde könnten das mißverstehen.