Dr. Goebbels im besonderen und die Ersatzreligion im allgemeinen

Von Harry Pross

I

Bei Bermann-Fischer in Stockholm erschien 1939 in der Schriftenreihe "Ausblicke" ein Essay des nach Cambridge, Mass. emigrierten Österreichers Erich Voegelin mit dem Titel "Die politischen Religionen". Er führte aus, daß "die politische Gemeinschaft immer in den Zusammenhang des Welt- und Gotteserlebens des Menschen eingegliedert" sei und der politische Bereich in der "Hierarchie des Seins" eine "untere Stufe der göttlichen Ordnung" einnehme oder selbst vergöttlicht werde. "Immer ist auch die Sprache der Politik durchweht von Erregungen der Religiosität und wird dadurch zur Symbolik in dem prägnanten Sinn der Durchdringung der weltinhaltlichen mit transzendent-göttlicher Erfahrung."

Voegelin ging davon aus, daß sich die westliche Welt in "einem Prozeß des Verdorrens" befinde, der durch die Säkularisation des Geistes verursacht sei und nur durch religiöse Erneuerung – sei es in oder/und außerhalb der Kirchen, jedenfalls aber nur von "großen religiösen Persönlichkeiten" ausgehend – gesunden könne. In diesem Punkt aber versagten die "politisierenden Intellektuellen völlig. Es ist grauenhaft, immer wieder zu hören, daß der Nationalsozialismus ein Rückfall in die Barbarei, in das dunkle Mittelalter, in Zeiten vor dem neuen Fortschritt zur Humanität sei, ohne daß die Sprecher ahnen, daß die Säkularisierung des Lebens, welche die Humanitätsidee mit sich führte, eben der Boden ist, auf dem antichristliche religiöse Bewegungen wie der Nationalsozialismus erst aufwachsen konnten. Die religiöse Frage ist für diese säkularisierten Geister tabu; und sie ernsthaft und radikal aufzuwerfen scheint ihnen bedenklich – vielleicht auch als eine Barbarei und ein Rückfall ins dunkle Mittelalter."

II

Im selben Jahr 1939 wurde als Sohn eines 1945 von den Sowjets verschleppten Landwirts und späterer "Junger Pionier" der heutige Professor für politische Theorie an der Universität Duisburg, Claus-Ekkehard Bärsch, geboren. Er begegnete Erich Voegelin, der sich auch als Münchner Ordinarius, jetzt Eric Voegelin, um die "Ersatzreligionen" aus der Perspektive einer ontologisch begründeten "Neuen Wissenschaft von der Politik" kümmerte.