Von Werner Weidenfeld

Nur allzugern würde man den Puls der Nation fühlen. Nur allzugern würde man die subjektiven Dispositionen der Deutschen messen, über die plakative Pauschalurteile im Überfluß existieren. Stimmt es, daß die Deutschen ein entwurzeltes Volk sind, verunsichert, in ratloser Normalität dahindümpelnd? Lassen sich präzise Belege finden für eine oft behauptete deutsche Neurose, für die permanente Suche nach der eigenen Identität? Angesichts unübersehbarer Stabilitäten könnte es sich bei der neuen geistigen Unruhe der Deutschen in der Mitte Europas nicht möglicherweise um eine intellektuelle Konstruktion, gar um einen politischen Manipulationsversuch handeln? Zweifellos ist die deutsche Frage ein Stück weit ausgewandert aus den traditionellen Kulissen herkömmlicher Vertrags- und Programmdebatten. Sie ist zu einem Thema unserer politischen Kultur geworden, als Frage nach den Werten, Orientierungen und Einstellungen, nach dem Selbstbewußtsein der Deutschen heute. Die neue deutsche Frage entpuppt sich bei näherem Hinsehen als uralte: als die Frage der Deutschen nach sich selbst.

Die subjektive Befindlichkeit ist daher das eigentlich entscheidende Thema. Aufschlußreiche Antworten im Blick auf die Gemütslage der Deutschen kann es nur im internationalen Vergleich geben. Elisabeth Noelle-Neumann und ihre Allensbacher Mitarbeiterin Renate Köcher haben genau dies zum Forschungsprogramm gemacht. Als empirisches Ergebnis fuhren sie dem Leser eine „verletzte Nation“ vor. Bereits in den einführenden Seiten erfährt man die gesamte Grundierung des Buches:

„Wenn wir sagen, die Deutschen sind verwundbar, weil sie schon verletzt sind, wenn wir sagen, die Deutschen heben sich so eigentümlich ab von ihren europäischen Nachbarn und erst recht von den Amerikanern, da, bei den Deutschen, fehlt etwas wie Wärme, Unternehmungsgeist, Lebensfreude, aber dennoch ist das Fallen von einem Extrem ins andere, das schon immer als typisch deutsch galt, weiter erkennbar – dann laden wir den Leser nicht ein, uns zu glauben, sondern wir verweisen auf Tabellen, in denen das belegt wird, was wir sagen. Das Ideal, das uns vor Augen steht, Madame de Staëls ‚Über Deutschland‘, wollen wir nicht verbergen. Aber wir möchten, fast 200 Jahre nach ihr, die spröden Instrumente der Demoskopie dem Leser in die Hand geben, daß er selbst nachsieht.“

Es gehört wenig Phantasie zu der Prognose, daß auch dieses Buch wieder eine Methodendiskussion provozieren wird: Ist es sinnvoll, den nationalen Stolz zur zentralen Fragenkategorie zu machen angesichts der unendlich komplizierten Geschichte und Gegenwart der deutschen Nation? Verstellt nicht eine solche Kategorie geradezu den Zugang zur wirklichen Befindlichkeit der Menschen, die sich nicht in Begriffen wie „Stolz“, „Patriotismus“, „Verteidigungsbereitschaft“ kondensieren läßt? Für Elisabeth Noelle-Neumann wird die nationale Orientierung zur Achse, um die prägende Empfindungen zentriert sind: Personen ohne entwickelten Nationalstolz sind seltener vorbehaltlos glücklich, zweifeln häufiger am Sinn des Lebens und sind auch im privaten Bereich unzufriedener; Personen mit ausgeprägtem Nationalstolz sind zufriedener und froher.

Da den Deutschen ein deutlich geringerer Nationalstolz zu attestieren ist, hat dies entsprechend weitreichende Konsequenzen für das gesamte Lebensgefühl. An diesen Befund knüpft Elisabeth Noelle-Neumann konsequent ihr politisch-pädagogisches Konzept: „Der enge Zusammenhang zwischen nationalem Stolz und Verteidigungsbereitschaft, Vertrauen in die Institutionen der generellen Bereitschaft zur Einordnung in die Person übergreifende Zusammenhänge legt für einen Staat geradezu zwingend die Förderung der nationalen Idee nahe.“

In einem deutlichen Kontrast zu solchen dramatischen Akzenten stehen die Befunde, die sich auf die geistige und politische Verarbeitung der deutschen Teilung beziehen. In abgeklärter Form haben sich die Deutschen im Wartesaal der Geschichte niedergelassen. Kein Ausbrechen aus Loyalitäten, kein Revoltieren gegen den Status quo, keine nationalistische Aufwallung – aber auch keine Selbstverleugnung: klug, nüchtern, abwägend, illusionslos, zuverlässig könnten die Adjektive für die politische Ratio der Deutschen lauten. Plötzlich wird so der Blick des Lesers auf jene unaufgeregte, gelassene Normalität gelenkt, auf Stabilität und Konformität. Aber in diesen Kulissen der Stabilität vollzieht sich wiederum der Wandel: Die Familie büßt mehr und mehr ihren Platz im Vermittlungsprozeß von Wertvorstellungen ein; der vertiefte Generationenkonflikt erschwert die Verständigung; der Verlust an religiöser Vitalität höhlt die Bindewirkung des Normensystems aus; mit sinkender Religiosität schwindet auch der moralische Konsens. Die entscheidenden gesellschaftlichen Veränderungen vollziehen sich also weit unter der Oberfläche, meist unbemerkt.

Wie paßt das alles zusammen – Stabilität und Selbstzweifel, Gelassenheit und Unruhe, Normalität und Erosion? Die Antwort ist einfach: Die Dialektik unserer subjektiven Vorstellungen ist durch das „Sowohl-Als-auch“, nicht durch das „Entweder-Oder“ geprägt. Relativierungen dieser Art können auch als aufgeklärte Mündigkeit verstanden werden, weil wir mit Gegensätzlichkeiten und Unterschieden zu leben gelernt haben. Die Deutschen werden auch in Zukunft mit einer geschichteten Identität leben, die vielfältige Gemeinschaftsbezüge kennt. Eine solche relativierende Vielfalt vermag die Hypostasierung einzelner Ansprüche zu politischen Heilsbotschaften zu verhindern. Es wird langfristig zu entscheiden sein, ob die Belastungen und Orientierungsschwierigkeiten zu ertragen, ja sogar als Chance zu begreifen sind, die sich aus der Pluralität der Gemeinschaftsbezüge ergeben. Offenheit und demokratische Gesinnung gedeihen zweifellos eher unter den Bedingungen der Pluralität als unter dem Druck eindimensionaler Gewißheiten. Komplexe Identität könnte zur demokratischen Lebensversicherung für die Derschen werden.