Von Gabriele Stadler

Es ist traurig anzusehen“, meint Goethe, „wie ein außerordentlicher Mensch sich gar oft mit sich selbst, seinen Umständen, seiner Zeit herumwürgt, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen.“ Als „trauriges Beispiel“ nennt der Dichterfürst Gottfried August Bürger, jenen Poeten, der in Germanistenkreisen seit langem als rechtmäßiges Opfer klassischer Dichtungsideale herumgeistert. Auf den grünen Zweig ist er bis heute nicht gekommen, trotz aller Popularität zu Lebzeiten: ein trauriges Beispiel für die Autoritätsfixierung einer Wissenschaft und unser kurzes kulturelles Gedächtnis.

An elf Autoren aus zwei Jahrhunderten will Gert Ueding in seinem Buch „Die anderen Klassiker“ erinnern, darunter Karl May und Wilhelm Busch (die stehen wohlsortiert im Bücherschrank), Friedrich Maximilian Klinger (da war doch was mit „Sturm und Drang“?), Adolph Freiherr von Knigge (wie schon der Name sagt: Knigge), Ludwig Uhland („Ich reit ins finstre Land hinein. ..“), Max Dauthendey (ein Bayer!) und Franz Hessel (Fehlanzeige).

Diese Autoren haben Bedeutendes, zum Teil Einzigartiges geleistet. Einst waren sie mehr oder weniger populär, immer umstritten, weil unbequem, ja aufsässig, sei es durch ihre politische Haltung, durch die Lebensführung oder ihre Art zu schreiben: Der an Eindeutigkeit und Zuordnung interessierten Kritik haben sie es ungebührlich schwergemacht und sind zur Strafe heute vergessen oder zumindest verharmlost – was auf das Gleiche hinausläuft.

Zu den prominentesten Opfern zählen Wilhelm Busch, Karl May und Ludwig Uhland. Daß es sich bei Uhland keineswegs um einen konservativen und gemütlichen Goldschnitt-Poeten handelt, kann Ueding überzeugend nachweisen: Eindringlich empfiehlt er die Lektüre von Uhlands wissenschaftlicher Prosa und seinen politischen Reden als „Musterbeispiele für die in Deutschland so seltene Kombination von Sachverstand und politischer Eloquenz, von sozialem Engagement und freiheitlicher Gesinnung“. In der „Einheit von Leben und Werk dieses aufrechten Mannes“ bringt uns Ueding den schwäbischen Romantiker als aktuelles Ereignis nahe: den Volksmann Uhland, den mutigen und treuen Bürger, den unbestechlichen Demokraten, kurz: den Gewissenhaften – als Leseanreiz sollte das eigentlich genügen.

Uedings Porträts handeln auch von der jeweiligen Suche nach Glück und der Strategie des Überlebens. Man verfolge etwa, wie Franz Hessel mit der Erkenntnis, daß sich nichts halten läßt, umgeht, wie er Ungewißheit und Mangel genießen lernt und schwankt zwischen dem „Glück des rein zuschauenden Daseins“ und der „Angst, das Leben zu versäumen“ (Hessel). Der Vergleich mit Robert Walser, dem „Bettler vor der Tür des Lebens“ (Walser), liegt auch stilistisch nahe und man darf sich doch wundern, wieso Franz Hessel nicht zumindest im Zuge der ihrerseits unbegreiflich verspäteten Walser-Rezeption entdeckt wurde. Daß statt dessen eine Episode aus seiner Boheme-Existenz in die Filmgeschichte einging, und zwar in François Truffauts ,,Jules und Jim“, ist in Anbetracht der literarischen Leistung eher deprimierend.

In dem nur fünfzehn Seiten umfassenden Porträt führt Ueding ein in die autobiographischen Romane Hessels und skizziert den Lebensweg eines jüdischen Großbürger-Sohnes, der 1941 an den Folgen seiner Internierung in Frankreich starb. Es gelingt, unsere Neugier auf dieses gleichermaßen leichtfüßige wie abschiedsschwere und philosophische Werk zu wecken. Mit Hessels „Kramladen des Glücks“, dem, so Ueding, „vielleicht schönsten Kindheitsbuch der modernen deutschen Literatur“, ließe sich ein Anfang machen.