Texte, die ihr Autor zeitlebens zurückhielt, weil er sie einer Veröffentlichung nicht wert fand, gehören postum zu den schwierigen. Soll man seinen Willen anerkennen und sie weiterhin im Verborgenen lassen, oder ist das Gegenteil angebracht? Kafka verfügte, daß sein Nachlaß nach seinem Tod verbrannt werden sollte, Max Brod publizierte ihn trotzdem und entschuldigte sich fast dafür.

Alfred Andersch blickte auf fast alles, was er vor 1950 geschrieben hatte, später mit wenig Anerkennung und viel Widerwillen zurück: „Feine, kleine Prosaetituden, Kalligraphie, unerträgliches Zeug.“ „Erinnerte Gestalten“, seine ersten (erhaltenen) Prosaversuche aus der Zeit zwischen 1941 und 1943, sind solch ein „Zeug“, dessen Veröffentlichung, lebte Andersch noch, sicher nicht zustande gekommen wäre. Was wäre uns entgangen?

Drei Erzählungen. Abschied von den Eltern ist ihr Thema, sie beschreiben Entwicklungsprozesse zur Selbständigkeit, in denen der knapp dreißigjährige Andersch seine eigene Biographie in eine Sprache, in Geschichten und Charaktere übersetzt, die er gelesen hat. Literatur zeugt Literatur fort. Der Charakter, den die Erzählung „Skizze zu einem jungen Mann“ beschreibt, ist ein Dandy der Literatur der Jahrhundertwende.

Hier wie in der langen Erzählung „Ein Techniker“, einem negativen Entwicklungsroman in Kurzform, spart Andersch nicht mit dem Pathos erlesener Bilder. „In seiner Jugend hatte Albert Gradinger in der Wölbung einer Glocke gehaust, tiefumtönt von ihrer erzern schwingenden Ruhe. Die feierliche, aber leere Stille ihres Innenraums stellte das Wesen seiner Mutter dar.“ Das ist ein harter Übergang, doch geht es nicht um die Mutter, sondern um den Vater. Vater Gradinger ist „wie ein Riese, tief umwittert vom Geheimnis der Macht“. Das Dasein seines Sohnes saugt er so lange in sich auf, bis dieser in einen anderen Heroismus flüchtet, den des Ersten Weltkriegs. Dort vollbringt er eine Heldentat, die viel Ernst Jünger verdankt, bevor er heimkehrt und sich in das Melodram der Geschwisterliebe verwickelt (für. die Thomas Manns „Wälsungenblut“ Pate stand). Und schließlich wird Albert Gratinger in dem Augenblick tödlich überfahren, als feststeht, daß es bei ihm zu Großem nicht reichte. „Das Maß seiner Leiden ist erfüllt“, konnte er, der Sohn, doch nie zu. dem werden, was sein Vater von Haus aus war: ein Übermensch.

Von diesem träumt noch die letzte, knappe Erzählung, die einzige auch, die schon zu ihrer Entstehungszeit veröffentlicht wurde: „Sechzehnjähriger allein“. Auf einsamer Radtour übers Land beginnt er sich vor seinem Mut und der feindlichen Natur da draußen zu fürchten, so sehr er sonst auch beides – und die Literatur – liebt. Am Ende erfährt er alle zusammen in visionärer Einheit: „Unverlierbares besaß er nun. Er hatte das Dasein der Welt erfahren. So würde er einmal fähig sein, sie zu bewegen.“

Während draußen der Nationalsozialismus hauste, regierten die Dichter und Denker ihr eigenes Terrain, das Land der „inneren Emigration“, in das sich auch der junge Alfred Andersch zurückzog, ja unter dem Trauma von KZ-Gefangenschaft und Gestapoüberwachung wohl zurückziehen mußte. Zwischen der barbarischen Außenwirklichkeit und der kostbaren Innenwelt der Texte gibt es keine Berührungspunkte, soll es keine geben. Das Reich der Kunst ist nicht von dieser Welt, schon das Pathos des erlesen-hohen Stils, den Andersch schreibt, verkündet es unmißverständlich. Zumeist gelingt ihm die „Atmosphäre“ der Bilder, an der ihm liegt, mögen sie auch immer den müden Glanz des déjà vu haben, oft auch des puren Klischees der Geistigkeit. Daß diese erst aus einem harten Bruch mit dem gelebten Dasein entstand, störte Alfred Andersch später entschieden.

Man kennt ihn ja, diesen Bruch; die Veröffentlichung der „Erinnerten Gestalten“ sorgt nur dafür, daß wir ihn auch in der Autorenbiographie von Andersch nicht vergessen. Das allerdings dürfte kaum der Grund gewesen sein, weshalb das Buch überhaupt und gerade jetzt endgültig verlegt wurde. Vielleicht wollte man das Gesamtwerk von Andersch nur vervollständigen? Und sicher ist jede Art von Romantik gegenwärtig wieder weit gefragter als noch vor Jahren. Weshalb soll das nicht auch für die alte, die geistgläubige gelten, die Andersch einst anzubieten hatte? Rolf Grimminger