Was hat ein 70jähriger von den Grünen, bekommt er einen Teil seiner Jugend in anderer Aufmachung wieder zurück: die Pfadfinderzeit, den bedingungslosen Kameradschaftsgeist und die Schmähungen des ausufernden industriellen Glitzerwerks, wenn nicht mehr in dumpfen Liedern, so doch im Demonstrationsgepolter und auf Aufklebern und Abzeichen...? Geht er noch einmal auf Fahrt, den Flug der Vögel zu besingen, trutzig wie ein Landsknecht und nikotin- und alkoholfrei mit auf Flaschen gefülltem Quellwasser? Will er Hand in Hand im Ringelreigen auch an Frauenlippen hängen, die für ein enthaltsameres, freieres und sicheres Leben nach vorne gehen, im Wortgetümmel Schlachten schlagen, aber ohne körperliche Gewalt und manchmal sogar mit Gott?

War Adalbert K. denn nicht dem Kleinbürger und Halbvegetarier Hitler im Gleichschritt gefolgt? „Nein“, hör’ ich ihn. Er wurde in die Hitlerjugend gepreßt, zur Anbetung neuer Helden und Götzen kommandiert und exerzierte weiterhin in freier Natur. Ich höre ihn wieder: Er spricht von seinem Widerstand als Sohn eines Turn- und Musiklehrers, der vor allem darin bestand, sich immer an das Gute zu halten, ihm niemals durch Verrat oder Gewalt zu schaden, und weil er selbständiges Denken nicht gelernt hatte, abzuwarten und sich unauffällig einzuordnen. Selbst im Krieg blieb Adalbert K. der Pfadfinder mit seinem bewährten Orientierungssinn und der geübten Treue zum Nebenmann.

Hoffnung schöpfte er allein aus den Feldpostbriefen. Wollte er nur Kinder haben, damit es für ihn öfter Feldpostbriefe mit Photos gab? Und woran dachte er dann? An das Vierzimmer-Backsteinhaus mit angebauter Terrasse und Fahrradschuppen und an das dichte Haar seiner Frau, im Nacken geflochten. Fast 30 Jahre dauerte es, bis Adalbert K. seinen Kindern glaubte, daß auch sie durch den Erfolg seiner beruflichen Leistungen fürs Leben reichlich ausgestattet worden waren, er dadurch jedoch, wie sie behaupteten, unversehens zum Duckmäuser des neuen Staates wurde, dessen Herrschaftsansprüche er gar nicht wahrnehmen wollte, weil er noch an denen des zertrümmerten litt.

„Meine Kinder“, höre ich ihn, „haben aufbegehrt, sich den himmelhochjauchzenden Zukunftsperspektiven verweigert und diesen Atomstaat und seine mörderische Ellenbogenphilosophie mit entlarvt...“ Sieht sich Adalbert K. noch als Jugendbewegter, der seine Anzüge im Schrank läßt, oder hat er einen sogenannten Nachholbedarf an Selbstdarstellung, gewissermaßen romantisch überwölkt? Er folgt seinen Kindern, um mit ihnen gemeinsam nicht zu kämpfen, um zu siegen, sondern zu streiten, um zu kontrollieren und zu verändern, sich noch einen Teil seiner Jugend zu bewahren, ja, mit allen ihren Widersprüchen, die Zunge herauszustrecken wie Kinder, die oft so wahrhaftig sind.

Nicht Zwänge und Querelen spannen seine Brust, da tut sich das Gemüt wieder gut, und höre ich ihm zu, redet er nicht, er predigt. Und was ihm, dem Grünen Greis, schließlich Besseres passieren könne, als sich eines Tages einzubilden, nach außen alt, aber innen noch ganz jung zu sterben.