Von Esther Knorr-Anders

Gehen wir ihm durch Würzburg nach. Würzburg ist die Stadt, die ihn prägte und der er unverwechselbares Fluidum verlieh. Wohin man tritt, unweigerlich stößt man auf einen unversehrt gebliebenen oder nach dem Inferno der Nacht des 16. März 1945 rekonstruierten Bau von Balthasar Neumann.

Um nur einiges davon zu nennen: der Maschikuliturm der Festung Marienberg, der Nordflügel des Juliusspitals, der Domherrenhof Marmelstein, die Dominikanerkirche, die Sakristei im Dom St. Kilian, der Gasthof „Zum Hirschen“, das Wohn- und Geschäftshaus für sieben Kaufleute mit sieben separaten Treppenaufgängen, vier dreigeschossige Mietwohnhäuser in der Neubaustraße. Und wo befindet sich sein erster Bau? In der Burkarderstraße am Main. In diesem niedrigen Reihenwohnblock, Nr. 28, lebte er bis zu seiner Heirat.

Um von der Burkarderstraße in die Domstraße zu gelangen, mußte Neumann die „Alte Mainbrücke“, den schönsten Flußübergang der Stadt, passieren. Unter den Blicken der zwölf überlebensgroßen Heiligenstatuen schritt er an einem Junitag, begleitet von dem fürstbischöflichen Kanzleisekretär Franz Ludwig Fichtel, über die Brücke. Die Sonne ließ den feuerroten Dom Funken sprühen. Eine junge Dame kam den beiden Herren entgegen. Ihr Anblick ließ Neumann erstarren. Er rührte sich nicht vom Fleck. Fichtel, sekundenschnell die Situation erfassend, stellte ihm „das Püppchen“ vor. Es war Eva-Maria Schild, die Tochter des Hofkanzlers.

Die Trauung fand am 21. September 1725 im Dom statt. Mit dieser Heirat war der „Armeleutesohn“ in die oberste Gesellschaftsschicht eingebunden. Es hatte Folgen für den Lebensstil. In seinem Reihenhaus konnte Neumann nicht bleiben. Er erwarb die Häuser „Hof Oberfrankfurt“ und „Niederfrankfurt“ in der Franziskanergasse. Hier richtete er auch sein Büro ein. Auf dem Dach entstand ein Ausguck. Neumann wollte seine Baustellen im Sichtfeld haben. Beide Häuser fielen dem Krieg zum Opfer. Der Ausguck, von originalgetreuem pechschwarzem, schmiedeeisernem Gitter umzäunt, thront heute an gleicher Stelle, aber auf einem Neubau. Keiner geht vorüber, ohne hinaufzuschauen.

Über den weiten Vorplatz nähere ich mich der Residenz. Es ist eine Dreiflügelanlage mit Ehrenhof, vier Binnenhöfen, einer in rauschhaften Farben schillernden Hofkirche und einem trunkenmachenden Gärten. Der Anblick des Bauwerks läßt verschiedene Reaktionen zu. Bestechend, ist die erste. Ihr folgt der Gedanke, daß der Palast die Perversion des Anspruchsdenkens eines Kirchenfürsten ist. Drittens: Der historischen Wahrscheinlichkeit nach jubelte man Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges mit diesem grandiosen Prachtbau über die endlich wiedergewonnene Lebenslust.

Ich trete ins fünfschiffige, blendend helle Treppenhaus. Es ist jenes, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Lukas von Hildebrandt wollte sich „auf eigene Kosten hängen lassen“, wenn das „freitragende Muldengewölbe“ hielte. Es hielt. Es überdauerte sogar die Bombennacht 1945.