Viel Zeit zur Vorbereitung und Planung gab es nicht. Als sich 1985 abzeichnete, daß die Auszubildenden der Hamburger Öffentlichen Bücherhallen (HÖP) nach Abschluß ihrer Lehre auf keinen Fall mit einer Übernahme als Bibliothekassistent rechnen konnten, da gab es nur diesen einen Rettungsanker: Fortbildung bei Teilzeitbeschäftigung. Das Modell „Arbeiten und Weiterlernen“ hatte der Hamburger Bevollmächtigte für den Ausbildungsstellenmarkt Günter Apel gerade erst entwickelt. Sein Ziel: Jugendliche mit einer veralteten oder allzu eng gefaßten Erstausbildung im Berufsleben halten und Dequalifikation durch Arbeitslosigkeit verhindern.

Der erste Kurs lief im März vergangenen Jahres an. Die dreizehn Teilnehmer schlossen mit der Hansestadt Hamburg einen Jahresvertrag über eine Teilzeitarbeit von zwanzig Wochenstunden, weitere zwanzig Stunden verbrachten sie bei einem Qualifizierungsseminar. Dort lernten sie den Umgang mit neuen Bürotechniken und Datenverarbeitung, Wirtschaftsenglisch und die Grundlagen der Ökonomie. In einem Praktikum wurden die Kenntnisse umgesetzt.

Während der Zusatzausbildung erhielten die jungen Leute zum einen das Gehalt aus der Teilzeitarbeit, die in einer Öffentlichen Bücherhalle abgeleistet wurde, zum anderen ein Teilunterhaltsgeld, das zur Förderung der beruflichen Weiterbildung von der Bundesanstalt für Arbeit gezahlt wurde. Insgesamt lag ihr Einkommen damit bei etwa siebzig bis achtzig Prozent des Nettoeinkommens aus einer Vollzeitarbeit.

Übriggeblieben waren am Ende freilich nur noch sechs der ursprünglich dreizehn Absolventen im Kurs. Die anderen haben feste Arbeitsplätze oder längerfristige Verträge bekommen. Einige können überdies hoffen, daß sie in der Firma ein festes Arbeitsverhältnis ergattern, in der sie ihre Praktikantenzeit verbracht haben.

Trotz dieser Erfolge blieb das Modell „Arbeiten und Weiterlernen im Bewußtsein der Betroffenen eine Notmaßnahme, ein minderwertiger Ersatz für den gewünschten Vollzeitarbeitsplatz, zumal die Aussichten für einen Job im ursprünglichen Beruf denkbar ungünstig sind. Auch die Perspektivlosigkeit trägt zur Skepsis bei, denn niemand kann im voraus sagen, ob nicht nach der einjährigen Maßnahme doch nur Arbeitslosigkeit droht.

Wie schwer es ist, Jugendlichen klarzumachen, daß das Modell „Arbeiten und Weiterlernen“ nicht etwa als Reparaturbetrieb für eine verpatzte Erstausbildung gedacht ist, sondern daß ihre Chancen durch die Höherqualifizierung steigen, haben auch die Ausbildungsleiter in Handel und Handwerk erfahren.

In beiden Bereichen laufen in Hamburg unter dem Schlagwort „Arbeit und Fortbildung“ seit Herbst vergangenen Jahres Modellprojekte. Im kaufmännischen Bereich beispielsweise werden zwölf Teilnehmer neben ihrer Teilzeitarbeit zweimal sechs Stunden in Textverarbeitung, Buchführung und Finanzbuchhaltung geschult. Ziel ist es, die Jugendlichen möglichst so weit zu bringen, daß sie in Klein- und mittelständischen Betrieben bei der Einführung der Datenverarbeitung helfen können. Doch das Interesse der Jugendlichen war äußerst gering. Das Arbeitsamt konnte nicht einen Teilnehmer für das Projekt vermitteln.

Silke Jendrowiak