Bühneneingang, kurz nach 19 Uhr. Vom Pförtner hole ich mir den Garderobenschlüssel, ein kurzer Blick aufs Schwarze Brett: Stellengesuche, Besetzungslisten, Probenpläne – nichts Wichtiges für mich. Dann hoch zu den Herrengarderoben, durch endlose, schmale, weiße Gänge. Beängstigend kalt erschien mir das Hinterhaus dieser Bühne zu Anfang, und das wollte gar nicht passen zu all den Vorstellungen und Illusionen, die ich über das Theater mit mir herumtrug.

Mittlerweile habe ich mich, wie an so vieles, auch an die nüchternen Gänge gewöhnt und finde mich zurecht. In den Garderoben sind meine Kollegen schon an der Arbeit und verteilen die Kostüme. Jeder von uns ist für bestimmte Schauspieler zuständig, in diesem Stück sind wir zu fünft.

Gregor (25) ist Theologiestudent und finanziert mit diesem Job sein Studium. Meist schwarz gekleidet, mit roter Hornbrille und Bartschatten, wirkt er wie der Cineast aus dem Programmkino, und noch immer kann ich mich nicht daran gewöhnen, ihn mit einem Knäuel schmutziger Hemden unterm Arm durchgeschwitzte Socken einsammeln zu sehen.

Hans (34), der unseren Aufenthaltsraum mit den Bildern gewichtiger Fellini-Frauen verschönt hat, arbeitet hauptberuflich hier. In seiner Liste der bisher ausgeübten Tätigkeiten fehlen nach eigenem Bekunden nur noch „Tellerwäscher und Millionär“, aber jetzt gehört er zu denjenigen, die, einmal beim Theater gelandet, nur schwer wieder davon loskommen.

Fritz (70) ist früher zur See gefahren, hat dann als Schneider gearbeitet und war später 15 Jahre lang Gewandmeister beim Ohnsorg-Theater. Obwohl schon lange in Rente, verdient er sich hier immer noch von Zeit zu Zeit etwas dazu, damit ihm, wie er sagt, „zu Haus die Decke nicht auf den Kopf fällt“.

Jacqueline (26) schließlich studiert Kostümdesign und will hier „Theater von hinten“ kennenlernen. Zwar haben traditionshalber die Herrenankleider männlich zu sein, aber die Fronten sind inzwischen aufgeweicht. Gerade einige der schwerverträglichen Mimen fressen Jacqueline aus der Hand.

Als um halb acht der Inspizient über Lautsprecher das erste Zeichen gibt, sind die Garderoben eingerichtet, die Kostüme für die schnellen Umzüge hinuntergebracht auf die Seitenbühne. Fritz näht noch schnell einen Knopf an, Gregor bügelt ein Hemd, Hans flucht mit einem der Schauspieler über die letzte Spielplanänderung, ich suche ein Paar schwarzer Strümpfe.