Von Dieter Buhl

Eine Routinereise unternimmt George Shultz nicht, wenn er Anfang der kommenden Woche Moskau besucht. Für ihn steht viel auf dem Spiel. Es geht nicht nur um eine neue Wegweisung für das amerikanisch-sowjetische Verhältnis. Seine Gespräche im Kreml gewähren dem Außenminister möglicherweise auch die letzte Chance, mehr als bloß Fußnoten in der Geschichte zu hinterlassen. George Pratt Shultz hat keine Zeit zu verlieren. Obwohl er fast fünf Jahre an der Spitze des US-Außenministeriums steht, und damit dort länger dient als jeder Secretary of State seit Dean Rusk (unter Kennedy und Johnson), sind seine Spuren von schnellem Verwischen bedroht.

Jetzt bietet sich Shultz die Gelegenheit, dem Traum jedes Außenministers der Vereinigten Staaten näherzukommen und doch noch ein wenig die Welt zu verändern. Er hat doppelten Grund, den Wind im Rücken zu spüren. Zum einen ist sein Rang in der Reagan-Administration nach vielen Rückschlägen und Schwankungen unangefochtener denn je. Zum anderen erwartet ihn ein sowjetisches Regime, dessen neue Beweglichkeit nach dem verpatzten Anlauf von Reykjavik nun möglich erscheinen läßt, das eine oder andere Ziel bei der Rüstungskontrolle zu erreichen.

Die Begleitumstände seiner Mission sind, dennoch alles andere als glücklich. Der Spionageskandal in der Moskauer US-Botschaft wird ein vertrauensvolles Gespräch mit der sowjetischen Seite nicht gerade erleichtern und erst einmal Verstimmung bereiten. Wie muß es zudem den ehemaligen Hauptmann der Marines‚ der während des Zweiten Weltkriegs im Pazifik kämpfte, kränken, daß ausgerechnet wachhabende "Ledernacken" sowjetischen Agenten Zugang zu den Geheimnissen der amerikanischen Vertretung gewährten? Was wird der überaus stolze Mann empfinden, wenn er möglicherweise in einen Lastwagenanhänger kriechen oder bei einer befreundeten Botschaft unterschlüpfen muß, um seinem Präsidenten abhörsicher von den Kreml-Gesprächen zu berichten? Die Demütigung trifft just einen Staatsdiener, dessen Rückgrat vielen Belastungen widerstanden hat; der sich als Finanzminister Nixons weigerte, politischen Gegnern die Steuerfahndung auf den Hals zu hetzen; der Reagans Wunsch nach Einführung von Lügendetektortests für die Mitglieder der Administration mit seiner Rücktrittsdrohung zunichte machte; der einem Kongreßausschuß brutal die Leviten las, weil er ihn nur unter Eid vernehmen wollte.

Auch den Sowjets gegenüber hat er nie ein Blatt vor den Mund genommen. Sie wissen, daß sie mit Shultz einen Gesprächspartner haben, dessen Integrität Legende ist und dem selbst Henry Kissinger das größtmögliche Lob spendet: "Wenn ich je einem Amerikaner das Schicksal der Nation übertragen müßte, dann wäre es George Shultz." Seinen unangreifbaren Ruf hat sich Shultz in vielen Washingtoner Amtsjahren verdient. Seit Dwight D. Eisenhower hat er beinahe allen amerikanischen Präsidenten in unterschiedlichsten Funktionen zur Verfügung gestanden. Geduldig und mit der nötigen Härte setzte sich der Absolvent der renommierten Universität Princeton und Professor für Wirtschaftswissenschaften immer wieder in der Bürokratie der Bundeshauptstadt durch, eine knorrige Eiche im Washingtoner Machtdschungel. Doch so sehr seine Standfestigkeit beeindruckt, sie steht auch für Unbeweglichkeit und Mangel an Phantasie. So hat George Shultz weder im Nahen Osten noch bei der Bewältigung der globalen Schuldenkrise etwas bewegen können. Der große Wurf ist dem Außenminister bisher nicht gelungen. Es sei denn, man hielte die amerikanische Invasion Grenadas oder den Bombenangriff auf Libyen für geschichtsträchtige Leistungen. Beide Aktionen hat Shultz mit vollem Herzen unterstützt, teilweise sogar in die Wege geleitet. Vor allem Ghaddafi weckt noch immer den Zorn des sonst so bedächtigen Ministers. "Du bist erledigt, Freundchen", verkündete er dem libyschen Diktator kurz vor dem Bombardement. Aber seine Vorhersage ging ebenso ins Leere wie seine grundsätzliche Forderung, den internationalen Terrorismus mit Waffengewalt und, wenn möglich, gar mit Präventivschlägen auszurotten.

Die Besessenheit, mit der er sich zum Thema Terror äußert, offenbart Brüche. Ganz so diszipliniert ist der 67jährige Minister mit der buddhaähnlichen Statur wohl nicht. Es läßt sich leicht vorstellen, mit welchem Nachdruck Shultz seine Ansichten etwa als Vorstandsvorsitzender des amerikanischen Baugiganten Bechtel oder als Schlichter in Arbeitskämpfen vertrat. Sein Drängen nach klaren Verhältnissen erklärt auch, warum die Rebellen in Angola und die Contras in Nicaragua in ihm einen eifrigen Förderer haben.

Leicht läßt sich George Shultz nicht über einer Leisten schlagen. Auch der Kreml wird Mühe haben, den Politiker immer zu durchschauen, der in Mittelamerika Söldner unterstützt, die teilweise noch in den Diensten des Diktators Somoza standen, der jedoch tatkräftig mithalf, auf Haiti und den Philippinen Unrechtsregimen den Garaus zu machen. Einen echten Pragmatiker werden die Sowjets in diesem Überzeugungstäter wohl nicht sehen. Eher wird er ihnen als jemand Kopfzerbrechen bereiten, der seine ganz eigenen Vorstellungen von Ordnung und Gerechtigkeit hat.