Von Andreas Kilb

Die Hölle ist ein Spiel, und Spiele sind böse. Man lernt, daß die Karten, Bilder und Figuren immer wieder neu gemischt werden können, daß ihr Wert nur geliehen ist und Konvention, daß die Zeichen beliebig sind und alles bedeuten können. Das Spiel setzt die Herrschaft der Geschichte, die Logik der Ereignisse außer Kraft. Der Äon, hat Heraklit gesagt, ist ein Kind, das Brettspiele spielt. Das sind die zwei Seiten des doppelsinnigen Geschicks: der Zufall und das Können, die Kunst. Die schwachen Künstler, die schlechten Spieler gehorchen den Regeln, die geschickten beherrschen sie. Sie stellen die Welt auf den Kopf. Und die Dinge wirbeln durch den Raum.

Giorgio Manganelli ist ein waghalsiger Spieler, er setzt alles auf die Sprache. Die Ordnung der Dinge zerbricht, die aristotelische Einheit von Raum, Zeit und Geschehen wird zum Spuk. Manganellis Höllenpartie spielt in der "Kristallminute", der zum Block gefrorenen Ewigkeit. Dort ist das Totenreich, das "Druntoben", das orientierungslose Nirgendwo. In seinem Band "An künftige Götter" (1983) schrieb Manganelli einen "Diskurs über die Schwierigkeiten, mit Toten zu sprechen". Die Toten, spekulierte er, seien die wahren künftigen Götter. So ist die Hölle zugleich der Olymp des Scheins.

Dall’Inferno kann im Italienischen beides bedeuten: "aus der Hölle" und "in die Hölle". Manganellis Bücher tragen die Doppeldeutigkeit immer schon im Titel, als sprachliches Emblem: "Hilarotragoedia" ("Niederauffahrt", 1967), "Nuovo Commento" ("Omegabet", 1970), "Sconclusione" ("Unschluß", 1978). Unmögliche Wörter für unmögliche Erzählungen. "Nuovo Commento" ist ein Kommentar zu einem nichtexistenten Text. Nach einer Weile merkt man, daß dieser Text der "Commento" selber ist. Die Literatur kehrt, als Spiel, zu sich selbst zurück. Das ist, als wären die Wörter ihren Vormündern und Handlangern desertiert.

"Von der Vernunft her müßte ich annehmen, ich wäre tot." Der erste Satz des literarischen Kassibers "Aus der Hölle" ist der letzte, in dem die Vernunft vorkommt. Von nun an geht es diabolischer zu, lustvoller. Ich, das ist irgendeiner, ein Schatten, eine Hypothese, ein Kameraauge, das über die Phantome des Abgrunds huscht. Ich ist ein Kunstgriff, eine sprachliche Fiktion. Die Firma Manganelli habe ein neues Buch herausgebracht, sollte nach dem Willen des Autors im Verlagstext stehen. Womöglich ist er der letzte große europäische Schriftsteller, der Rimbauds Forderung nach der Entriegelung aller Sinne wörtlich nimmt.

In der Hölle gibt es eine Art Séparée: die Spielhölle. Darin sitzen "eine Katze, ein Seehund, eine Uhr und eine etwas abgewetzte karierte Fahne" beim Würfeln. "Ich verliere meine Arme und Beine, die in einer Ecke gestapelt werden, dann gewinne ich sie wieder zurück und verliere ein Auge und ein Ohr. Dann fange ich an zu gewinnen: den Schnurrbart des Seehunds, den Schwanz der Katze, alle ungeraden Zahlen der Uhr ... Der Seehund gewinnt ihr Räderwerk, und mit Mühe gelingt es der Uhr – die jetzt aus wenig mehr als ihrem Gehäuse besteht – eine Katzenpfote zu gewinnen, die sie dem Seehund im Tausch gegen die Hälfte des Räderwerks überläßt." Das Spiel ist eine Prüfung, für den Leser – der wieder mal keine Antwort auf die Sinnfrage bekommt – wie für das erzählende Ich. "Gerade weil du verloren hast", sagt der Scharlatan, sein Führer, "kannst du an den Zeremonien teilnehmen."

Nur wer in der Spiel-Hölle den Kopf verliert, den Sextanten der Interpretation über Bord wirft, kann sich auf dem Sprachozean Manganellis ohne intellektuelle Verkrampfung einschiffen. Der Sinn des Unsinns ist Verführung. "Aus der Hölle" spricht die Lust am Text. "Die sexuellen Betätigungen hier druntoben sind rein geistiger Art", sagt der Scharlatan Manganelli. In der Hölle geht es intim zu, hier wird die Fleischeslust des Intellekts befriedigt. Ihre bizarren Zeremonien berühren die Sprache an ihrem empfindlichsten Punkt.