Von Hans-Ulrich Wehler

Unstreitig ist Otto v. Bismarck nicht nur der bedeutendste deutsche Politiker des 19. Jahrhunderts gewesen, sondern neben Napoleon sogar die einzige andere charismatische Führerpersönlichkeit in der großen europäischen Umbruchepoche von 1789 bis 1914. Trotzdem haben sich die Historiker erstaunlich viel Zeit genommen und auffällig schwergetan, dieser – Zeitgenossen wie Nachwelt – faszinierenden Figur mit einer angemessenen Biographie gerecht zu werden. Mehr als achtzig Jahre nach Bismarcks Tod hat erst Lothar Galls „Bismarck“ (1980) einen Markstein gesetzt, an dem sich jeder nachfolgende Versuch im Hinblick auf Reflexionsniveau, Quellenkenntnis, verständnisbereite und dennoch skeptische Interpretation wird messen lassen müssen.

Der Erlanger Historiker Michael Stürmer hatte bereits 1984 im 1. Kapitel eines dtv-Bandes über „Die Reichsgründung“ (1848-1890) unter der denkwürdigen Überschrift: „Bismarck, Gott und der preußische Staat“ (S. 10-30, 184 f.) scharfe Kritik an allen bisherigen Biographien geäußert. Damit kündigte er gleichzeitig, mehr oder minder direkt, eine über sie hinausführende Leistung an, beschränkte sich dort aber auf einige impressionistische Tupfer. Der Titel seines neuen Buches,

  • Michael Stürmer:

Bismarck. Die Grenzen der Politik

Piper Verlag, München 1987; 122 S., 14,80 DM

scheint auf den ersten Blick die verheißene Innovation zu avisieren. Tatsächlich aber handelt es sich nicht um eine ausgewachsene Biographie, sondern um einen Essay von 90 Seiten. Das ist nun in der Tat ein kühnes Unternehmen, und der Autor darf gespannter Aufmerksamkeit gewiß sein, wie er die selbstgestellte Aufgabe auf so engern Raum bewältigt.